Ist das deutsche Gesundheitswesen innovationsfeindlich?

Foto: Pixabay

Das deutsche Gesundheitswesen steckt aktuell in seiner größten Umbruchphase überhaupt. Die Transformation in digitale Abläufe, Behandlungs- und Therapieformen sowie ein patientenzentriertes aber vor allem patientenorientiertes Datenmanagement stellen alle Beteiligten vor enorme Herausforderungen. Ein rund 360 Mrd. € schwerer Markt, ein Tanker, der über verschiedene Steuerungselemente auf Kurs gehalten werden soll und muss. Fast nirgendwo sonst werden so viele Innovationen hervorgebracht wie auf dem Gebiet des digital- oder eHealth-Sektors. Aber was sind die eigentlichen Hürden?

Deutschlands Gesundheitsmarkt – ja, es ist am Ende ein Markt, auch wenn Gesundheitsethiker immer wieder betonen, dass es um Gesundheit und nicht um Kommerz gehe – ist bis ins kleinste Detail reguliert. Daran gemessen, stimmt die These wieder: Es ist kein echter Markt. Aber das Thema steht am Ende auf einem anderen Blatt. Viel schwerer wiegt, dass Regulierung Innovationen hemmt oder zum Teil sogar verhindert. Beispielt Ditital Therapeutics: Medikamente und Medizinprodukte sind umfassend reguliert – von der Produktqualität bis zur Abrechnung. Software-Lösungen hingegen schweben im Raum und keiner weiß, wie er damit umgehen soll: Ärzte können nicht verschreiben, Patienten nicht profitieren und Leistungsträger nicht abrechnen. Die Folge: Innovative Unternehmen gehen auf Selbstzahlermärkte wie den USA und bringen ihre Produkte dort an den Markt. Ein weiteres Beispiel ist die elektronische Patientenakte oder noch einen Schritt vorher, das elektronische Rezept. Anstatt es auch gegen Widerstände umzusetzen, vergibt man das Telematik-Infrastrukturprojekt an die Selbstverwaltung und fortan erstickt alles im Blockkadewahnsinn. Wer soll Interesse am elektronischen Rezept haben, wenn er mit der Abrechnung von Papierdokumenten zweimal Geld verdient?!

Neben dem starren System der Selbstverwaltung (G-BA gilt als 2. Gesetzgeber), kämpt der Patient im deuschen Gesundheitssystem gegen Sektorengrenzen an: Will er eine Behandlung, die ggf. einen planbaren stationären Aufenthalt positiv beeinflusst, müsste er ambulant behandelt werden. Dort weigert man sich aber, Kosten auf sich zu nehmen, die hinterher dem stationären Sektor „zugute“ kommen – z.B. weil der Patient eine kürzere Verweildauer im Krankenhaus hat. Das ist kurios. Alle Protagonisten sprechen vom Patienten, der im Mittelpunkt des Systems stehe. In der Realität steht aber allein das System und der Patient ist sein treuer Vasall.