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Das E-Rezept steht sinnbildlich für die Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland

Quelle: Web-Seite „Das E-Rezept für Deutschland“

Die Patienten in Deutschland können uns eigentlich leidtun. Sebastian Balzter, vom dem auch das Zitat in der Überschrift stammt, schrieb als Journalist am 20.05.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Deutschland streitet schon wieder über die Einführung des papierlosen Rezepts.“ In Schweden schaffen selbst Tierärzte die Digitalisierung: 85 Prozent der Rezepte stellen sie bereits elektronisch aus.

Es stimmt mindestens nachdenklich, dass die 2005 gegründete „Nationale Agentur für Digitale Medizin“ (gematik) zwar schon knapp 800 Millionen Euro ausgegeben hat, aber wir Stand heute immer noch kein flächendeckendes E-Rezept haben – obwohl es für alle Beteiligten klare Vorteile bietet (siehe Kasten unten).

Aber außer den Patienten – die sehnlichst auf das E-Rezept warten – haben sich die Beteiligten Interessengruppen immer wieder selbst Steine in den Weg gelegt. Es scheint am Vertrauen in die Digitalisierung und in die Betreiber der Netz-Architektur zu mangeln, die Beteiligten im Gesundheitswesen sehen sich eher als Empfänger eines Services und nicht als konstruktiv Mitwirkende. Zur Testphase des E-Rezepts schreibt Sebastian Balzter: „Egal was dabei herauskommt: Irgendeine Lobbygruppe wird nachher voraussichtlich einen Weg finden, um die Sache zu verschleppen. So war es bisher stets. Diesmal kritisieren die ersten Ärztefunktionäre schon vorab, was ihnen da unter Umständen abverlangt wird.“ Er ergänzt: „Was sich die Versicherten in Deutschland wünschen, zählt nicht viel, auch wenn die mit ihren Beiträgen die Branche ernähren.“ Seit Anfang des Monats steht zumindest offiziell der Fahrplan für den Roll-out: Am 11.06.2022 waren lt. gematik-Dashboard exakt 33.275 E-Rezepte über die TI abgewickelt worden. Am 01.09.2022 wird die Pflichtanwendung im Bezirk Westfalen-Lippe und im Bundesland Schleswig-Holstein ausgerollt. Am 01.01.2023 soll das E-Rezept dann bundesweit als Pflichtanwendung auf der TI laufen – wenn, ja wenn es keine weiteren Verzögerungen gibt.

Wenige Arztpraxen stellen bereits E-Rezepte aus

Während der laufenden Testphase des E-Rezepts haben wenige Arztpraxen einen großen Teil der digitalen Verschreibungen ausgestellt, ist in der Fachpresse zu lesen. Die meisten Arztpraxen nehmen gar nicht an der Testphase teil. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) reagiert prompt und sieht das E-Rezept als freiwillige Vereinbarung mit den Regionen. Die Ärzte fordern nun Anreize für Praxen, damit sie Digitalisierungsprojekte wie das E-Rezept erproben. Frage: Fordert hier ein Unternehmen Geld für eine Innovation, mit dem es langfristig produktiver wird, also Geld spart?

Potenzial von einer Milliarde Euro wird verschenkt

Die Management-Beratung McKinsey hat gemeinsam mit dem Bundesverband Managed Care e.V. (BMC) ermittelt, ob und wie unser Gesundheitssystem durch die Digitalisierung Geld sparen kann. Das Ergebnis: Pro Jahr könnten wir 42 Milliarden Euro sparen. Das bisher erschlossene Potenzial liegt bei 1,4 Milliarden Euro. Da ist also noch Spielraum. Auf das E-Rezept entfällt eine Milliarde Euro an Einsparpotenzial in jedem Jahr, weil sie in „Echtzeit an Apotheken übermittelt werden können und die Verwendung der Rezeptdaten für automatische Tests erlauben (z.B. Wechselwirkungen von Medikamenten)“. Entsprechend schreiben die Studienautoren: „Auch die flächendeckende Einführung des E-Rezepts mit Fokus auf Nutzerfreundlichkeit für Arztpraxen, Apotheken und Patienten sollte forciert werden.“

Bei der Digitalisierung müssen allerdings alle Beteiligten mitwirken. Es wäre fatal zu glauben, dass die gematik ein perfektes System liefern muss und alle anderen nur Anwender sind, die Nutzerservices erhalten und Wünsche äußern dürfen. Wir brauchen bei der Vernetzung, der Digitalisierung das Mitwirken aller – konstruktiv und auch im Handeln mit Blick auf den Patienten. „Unsere Welt verändert sich immer schneller und wir müssen alle flexibel bleiben und konstruktiv mitwirken. Die Maximen der Wirtschaft ändern sich gerade vom bloßen Profit zum Impact-orientierten Handeln. Das hat sich auch beim Weltwirtschaftsforum wieder deutlich gezeigt“, ein Zitat des Autors in seiner Funktion als Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Versandapotheken (BVDVA). Stellen wir also die richtigen Fragen und haben die richtigen Ziele?

Tipps aus Schweden

Viele Köche verderben in Deutschland mitunter den Brei, der eigentlich den Patient:innen schmecken und sie stärken soll: Rund hundert Krankenversicherungen, gut 18.000 Apotheken und mehr als 100.000 Arzt- und Zahnarztpraxen wollen beim E-Rezept mitbestimmen. Dabei steht der Patient und seine Gesundheit schon länger nicht mehr wirklich Fokus – allen Bekundungen zum Trotz sprechen die Taten bedauerlicherweise oft eine andere Sprache.

In Schweden ist das E-Rezept schon lange umfassend im Einsatz: Papierrezepte sind die seltene Ausnahme. Von den Rezepten lösen die Patienten rund zehn Prozent bei Versandapotheken im Internet ein. Ja, sagen jetzt einige: Schweden hatte es auch einfacher, da es wenige Sonderwünsche gab. Digitale Systeme funktionieren dann besser. In Schweden gibt es keine Krankenkassen und bis 2009 ein staatliches Apothekenmonopol. Um Patienten elektronisch zu identifizieren, nutzen die Schweden ein von den einheimischen Banken entwickeltes Verfahren, dass die Bürger auch in anderen Bereichen einsetzen – wie es unser E-Personalausweis (eID) auch können sollte.

Statt nun das Geld der Versicherten zu verbrennen, könnten wir mit dem E-Rezept lieber holprig starten, als endlos zu warten, bis jeder Sonderwunsch erfüllt ist. Bereits 1983 hat man in Schweden das erste E-Rezept verschickt. Die technischen Feinheiten wurden dann später, nach und nach live gestellt. Das schwedische Gesundheitssystem wurde deshalb nicht gefährdet, wie es hierzulande mancher Arzt durch das E-Rezept befürchtet. Die Servicementalität der Ärzte macht übrigens ein Schreiben der KBV an den Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach deutlich: „Die Praxistauglichkeit des E-Rezepts in den Testvorhaben ist bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht nachgewiesen“, heißt es dort. Es entsteht das Bild, dass hier Menschen warten, bis es ihnen andere Recht machen. Das geht auf Kosten der Versicherten.

Der zweite Tipp aus Schweden: Übergangsfristen sollten „allen Lobby-Argumenten zum Trotz nicht allzu großzügig bemessen sein. In Schweden hatten die Lieferanten von Praxissoftware ab einem bestimmten Datum nur noch zwei Jahre Zeit, um Schnittstellen und Sicherungsvorkehrungen zu programmieren“, schreibt Sebastian Balzter.

Fazit: E-Rezept – loslegen, statt weiter mutlos zögern

Für die Patienten ist „das Leben mit dem papierlosen Rezept komfortabler – und gesünder. Aus der zentralen Arzneimittelversorgungsdatenbank, dem Herzstück des Systems, kann sich jeder seinen Medikationsplan herunterladen. Außerdem nutzt eine Behörde die Daten, um die Sorgfalt von Ärzten und Zahnärzten bei der Verordnung von Arzneimitteln zu überwachen“, schreiben McKinsey und BMC in ihrer Studie. Auch Jörg Weise, der seit 15 Jahren im Gesundheitswesen tätig ist und für die Gesundheitsforen das Dossier „Das E-Rezept kommt“ verfasst hat, weiß, dass mit dem E-Rezept die Versorgungsqualität steigt, Kosteneffizienz optimiert, das Patientenerlebnis verbessert und die Arbeit für das Personal im Gesundheitswesen erleichtert wird.

Bei all den Vorteilen fragt man sich: Warum packen wir nicht alle gemeinsam an? Fehler passieren auch jetzt, wenn Befunde in die falsche Praxis gefaxt werden. Wieso glauben wir, dass bei der Digitalisierung keine Fehler passieren dürfen? Legen wir los – mutig!

Nutzen des E-Rezepts im Überblick

Für Patienten:innen

  • chronisch kranke Patient:innen können u.a. Folgerezepte ohne erneuten Praxis- oder Arztbesuch erhalten
  • reduziert Medikationsrisiken für Patient:innen durch die Bereitstellung von Medikationsdaten in Echtzeit für Arzt und Apotheke
  • vermeidet Infektionsrisiken durch die Reduzierung persönlicher Kontakte
  • entlastet z.B. pflegende Angehörige bei der Beschaffung von Medikamenten
  • bietet Mehrwerte für die Nutzung der elektronischen Patientenakte

Für Ärztinnen und Ärzte

  • entlastet Arztpraxen durch weniger persönliche Patientenkontakte, z.B. im Rahmen der Fernbehandlung, schafft Zeit für die intensivere Therapie anderer Patienten
  • ermöglicht die medienbruchfreie Weitergabe (z.B. über den KIM-Dienst, Kommunikation im Medizinwesen via zertifiziertem E-Mail-Austausch)
  • vereinfacht die Aufwände für Folgeverordnungen und Heimversorgungen

Für Apotheken

  • vermeidet Übertragungsfehler durch Wegfall von Medienbrüchen und verringert damit Risiken in der Arzneimitteltherapie
  • reduziert die Aufwände für die Rezeptprüfung in Apotheken zugunsten der Beratung von Patient:innen
  • eröffnet die Chance für mehr Unabhängigkeit und schnellere Zahlprozesse

Für Krankenkassen

  • reduziert die Aufwände für die Rezeptprüfung in Krankenkassen
  • ermöglicht Erstattungszusagen und Kostenübernahmen für Arzneimittel durch Krankenkassen in Echtzeit sowie die Direktabrechnung gegenüber den Kostenträgern
  • liefert wesentliche Informationen für die elektronische Patientenakte, erhöht deren Akzeptanz bei der Bevölkerung und ist damit ein kritischer Erfolgsfaktor
  • eröffnet Chancen, die Potenziale für Versichertenbetreuung und Versorgungssteuerung nutzbar zu machen

Quelle: Trend-Dossier „DAS E-REZEPT KOMMT“ der Gesundheitsforen, Ausgabe 03/2022 | 14. März 2022.

Dieser Beitrag ist in enger Zusammenarbeit mit Uwe Schick von Schick-Communications entstanden.

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