Wir brauchen echte Handlungsspielräume
Nach der Lektüre des Buchs „Situation und Konstellation“ von Hartmut Rosa, Soziologie Professor in Jena, ist mir klar geworden, woran es in unserer durchgetakteten Welt zunehmend fehlt: An Handlungsspielräumen, die in bestimmten Situationen in dem Maß vorhanden sind, damit Menschen wieder selbstwirksam sein und vor allem werden können. Ein starrer KPI-Blick verstopft die Kapillaren unserer Wirtschaft und die der Gesellschaft. Wenn wir politische Entscheidungsprozesse effektiver und die Verwaltung wieder handlungsfähig machen wollen, müssen wir Effizienz neu denken. Früher kannte jeder den „Ermessensspielraum“ von Amtswegen. Irgendwie scheint der völlig abhanden gekommen zu sein.
Der Teufelskreis der durchoptimierten Welt
Das Ziel moderner Führung und Verwaltung scheint oft nur noch zu sein: Messbarkeit. Sogenannte KPIs (Key Performing Indicator), Reporting-Pflichten, lückenlose Dokumentation und Zertifizierungen prägen den Alltag; von der Pflegekraft bis zur Referentin im Bundesministerium. Doch hier stellt sich unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem offenbar selbst die Falle: Effizienz im klassischen Sinne ist der natürliche Feind des Handlungsspielraums. Ein Spielraum zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht bis ins letzte Detail verplant ist. Er braucht Puffer für Eventualitäten und vor allem: Vertrauen in die situative Urteilskraft der handelnden Akteure. Wo jede Minute und jeder Prozessschritt im Voraus festgelegt sind, gibt es keine Situation mehr, auf die man flexibel reagieren kann, sondern nur noch ein Soll, das abgearbeitet werden muss. Das hat direkte Auswirkungen auf den vielbeschworenen Bürokratieabbau: Oft führt der Versuch, Bürokratie „effizienter“ zu machen, paradoxerweise zu noch mehr Bürokratie. Man schafft neue Kontrollinstanzen, Dashboards und Evaluationen, um den Abbau zu überwachen und das ist ein teuflischer Kreislauf.
Wenn das „Ist“ das „Soll“ schlägt: Das Beispiel der Pflege
Wie ein Ausweg aus diesem Effizienzkorsett aussieht, zeigt ein mittlerweile oft zitiertes Praxisbeispiel der Caritas Hochrhein. In der konventionellen Altenpflege herrscht die sogenannte Soll-Pflege. Jede Verrichtung ist zeitlich getaktet: 8 Minuten für das Waschen, 4 Minuten für das Ankleiden. Die Pflegekraft wird zur Ausführerin eines extern vorgegebenen Skripts, ohne Rücksicht darauf, wie es dem Menschen gegenüber an diesem Morgen geht. Bei der Caritas Hochrhein wurde konsequent auf Ist-Pflege umgestellt: Die Pflegekräfte erhielten die Entscheidungshoheit zurück, vor Ort selbst zu beurteilen, was die spezifische Konstellation im Moment erfordert. Braucht die Seniorin oder der Senior heute kein langes Bad, aber dafür ein ruhiges Gespräch, weil sie/er traurig ist, dann wird genau das getan. Das Ergebnis: Die Selbstwirksamkeit der Pflegekräfte stieg drastisch, der Krankenstand sank, und die Lebensqualität der Pflegebedürftigen verbesserte sich spürbar. Indem man den starren Effizienzbegriff aufgab, entstand echte Versorgungsqualität. Quelle: Caritas Hochrhein
Was bedeutet das für die Public Affairs-Beratung?
Dieser Befund fordert auch die politische Interessenvertretung und Public Affairs (PA) heraus. Jahrelang war das Credo vieler Regulierungsinitiativen: Messbarkeit, Standardisierung, Risikominimierung. Doch damit wurden und werden Politik und Verwaltung zunehmend gelähmt. Welche Rolle kann und muss eine moderne Public-Affairs-Beratung heute einnehmen, um Politik und Wirtschaft wieder Handlungsspielräume zurückzugeben? Hierzu einige Gedankengänge:
- Nicht stumpfe „Deregulierung“, sondern „Ermöglichung“
Es geht nicht darum, Regulierung im Sinne eines neoliberalen Reflexes einfach abzuschaffen oder einzudämmen. Ein rahmenloser Markt schafft selten Handlungsspielräume für Menschen, sondern oft nur neue Sachzwänge. Public Affairs muss sich vielmehr für eine Ermöglichungsgesetzgebung (Enabling Regulation) einsetzen: Weg von detaillierten Mikrovorschriften (How-to-Regulierung). Hin zu ziel- und ergebnisorientierten Rahmenbedingungen (Outcome-Regulierung).
- Reallabore und Experimentierräume als Standard etablieren
Politische Entscheidungsprozesse leiden oft unter dem Zwang, Gesetze „wasserdicht“ für alle Eventualitäten der nächsten 20 Jahre zu formulieren. PA-Beratung kann unterstützen, Reallabore und temporäre Erprobungsklauseln in Gesetzen zu verankern. So entstehen geschützte Spielräume, in denen Akteure vor Ort – ähnlich wie bei der genannten und oben erwähnten Ist-Pflege – ausprobieren können, was unter realen Bedingungen funktioniert und was eben nicht.
- Ermessen und Vertrauen politisch einfordern
Wir müssen den Mut haben, Ermessensentscheidungen in Verwaltung und Politik wieder positiv zu besetzen und den Menschen, die dort arbeiten, die Angst vor Ermessensentscheidungen nehmen. Dazu gehört auch denjenigen Einhalt zu gebieten, die sofort den Rechtsweg beschreiten, wenn es nicht nach ihrer Nase geht. Public Affairs-Beratung sollte dazu beitragen, Entscheidungsträgern zu vermitteln, dass Sicherheit nicht durch noch mehr Berichtspflichten entsteht, sondern durch qualifizierte Akteure, die Handlungsfreiheit besitzen.
Spielräume verteidigen bedeutet Demokratie stärken
Wenn Bürgerinnen, Unternehmer, Pflegende oder Kommunalpolitikerinnen und -politiker das Gefühl verlieren, in ihrem Umfeld noch etwas bewirken zu können, bricht die Resonanz rapide weg. Das Gefühl von Ohnmacht aber ist der Nährboden für Politikverdrossenheit, die im schlimmsten Fall in Demokratieverdrossenheit mündet. Für unsere Beratungsbranche bedeutet das folglich auch ein Umdenken: Unsere Aufgabe ist es nicht nur, Paragrafen zu ändern oder Quoten zu verhandeln. Es geht im Kern darum, Geltungs- und Möglichkeitsräume für menschliche Selbstwirksamkeit zurückzugewinnen. Ich stimme Hartmut Rosa vollumfänglich zu: Nur wo Spielraum ist, können sich Menschen entfalten und konstruktiv miteinander etwas gestalten, das in die Zukunft trägt.


