Wohlstand nährt Armut

Aus: „Wohlstand in Zahlen – Eine Bilanz“; herausgegeben von INSM, brand eins, rwi und statista – die deutsche Gesellschaft in Zahlen von 1980-2010

Ist es wirklich Zufall oder gewollte Koinzidenz, dass am selben Tag eine Bilanz des Wohlstandes (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft) und der Armut (Armutsbericht der Bundesregierung) im Lande vorgestellt wird? Bemerkenswert ist in jedem Fall, wie eng beide Themen miteinander verbunden sind. Der Armutsbericht der Bundesregierung soll trotz seiner gesamtgesellschaftlichen Bedeutung hier nicht die Hauptrolle spielen. Er ist in anderen Medien ausgiebig beleuchtet worden.Die Einladung zum Informationsabend „Wohlstand in Zahlen – Eine Bilanz“ hatte die INSM ausgesprochen. Zusammen mit brand eins Wissen, dem rwi (Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung) und statista hat die von den Arbeit gebenden Gesamtmetallern getragene Initiative eine statistische Bilanz der zurück liegenden 30 Jahre zusammen getragen. Knappes Fazit: Uns geht es sehr viel besser als noch 1980.  Für die Macher ist ganz klar: Deutschland hat eine qualitative Wohlstandsmehrung bei nachhaltigem Wachstum hingekommen; ein Wachstum also mit relativ geringerem Ressourcenverbrauch. Aha, vor diesem Hintergrund ist es entsprechend leicht, weiterhin hohes Wachstum zu fordern. Bäume wachsen aber nun einmal nicht in den Himmel.

Alles eine Frage der Definition beteuerte das Podiumsduo Jan Fleischhauer und Jakob Augstein vom SPIEGEL. Augstein wähnte sich gar in der „Höhle des Löwen“, vertrete doch die INSM das Großkapital. Ein Terrain, das Augstein bekanntlich nicht oder nur widerwillig betritt. Was hat diese Bilanz Neues zu Tage gefördert? Man hat sich für die Präsentation die hippe Humboldt-Box an der entstehenden Nordseite des Humboldtforums ausgesucht. Ein Ort, an dem man u.a. intellektuell – Humboldt sei Dank – ins Plaudern kommen kann. Das versuchte die Moderatorin dann auch mit den beiden genannten Herren. Man tauschte sich mehr unterhaltsam als tiefschürfend über die eine oder andere positive Entwicklung aus. So habe sich die Lebenserwartung der Kinder, die vor 30 Jahren zur Welt kamen, deutlich verbessert: Bei Jungen ist sie von 69,6 (1980) auf 77,5 (2010) und bei Mädchen von 76,4 auf 82,6 gestiegen. Gab es 1980 läppische 0,8 Golfer auf 1000 Einwohner, kam man 2010 auf satte 7,5. Das Aufgreifen der vorgelegten statistischen Daten soll gar nicht kritisiert werden, war es doch naheliegend. Davon abgesehen machte die Moderatorin nicht den Eindruck, als könne sie aus Fleischhauer und Augstein mehr Substanzielles herausholen.

Eine sehr positive – und damit zurück zu einem ernsteren Thema – Zahl ist der Rückgang der gemeldeten Arbeitsunfälle. Kamen 1980 noch 74,9 Unfälle auf 1000 Arbeitnehmer, so konnte die Zahl bis 2009 auf 25,8 und damit um über 60% reduziert werden. Die Unterschiedlichkeit der Anhaltspunkte, die die Macher herausgegriffen haben, um ihre These des sichtbar vermehrten Wohlstandes zu untermauern, zeigt am Ende jedoch die Heterogenität und individuelle Wahrnehmung von „Wohlstand“ – sowohl des eigenen als auch den der anderen. Ein Gedanke, der nur ganz kurz angerissen wurde und damit unterbelichtet blieb, ist, dass ohne Wohlstand keine effektive Armutsbekämpfung möglich ist. In einem Land, wo die Menschen ums tägliche, nackte Überleben kämpfen müssen, werden sie sich einen feuchten Kehricht um Umwelt- oder Sozialstandards kümmern. Umgekehrt ist es Fakt, dass in einem vermeintlich reichen bzw. wohlständigen Land wie Deutschland, in einer Stadt wie Berlin ein Viertel aller Erwerbsfähigen staatliche Transferleistungen beziehen. Das ist ein untrügliches Zeichen, dass sich Wohlstand nicht gleichmäßig entwickelt und verteilt. Verteilung muss jedoch auch etwas mit Leistung zu tun haben. Von der Wohlstandsdefinition, die die Verteilungskomponente einbezieht, sind wir noch ein Stückchen entfernt. Die herkömmliche Lesart verstärkt in manchen Bereichen der Gesellschaft die Armut. So gesehen tritt in einer „satten“ Gesellschaft der gegenteilige Effekt auf: Wohlstand fördert Armut, weil zu wenig Hilfestellungen und Anreize geschaffen werden, die es den Betroffenen erlauben, aus der relativen Armut zu entkommen. Absolut gesehen ist ein Harz IV-Empfänger im Vergleich zu einem Sudanesen reich. Er lebt also im „Wohlstand“. Das nutzt ihm hier aber herzlich wenig.

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine – dort Abitur 1993 (keine zwei „Ehrenrunden“, sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) – zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Von August 2013 bis April 2018 habe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter geführt. Seit Mai 2018 ist Fabian Haun gleichberechtigter Partner.