Wissenschaftliche Experten, die besseren Lobbyisten?

Foto: Sarah Twitchell
Foto: Sarah Twitchell

Das Thema der „Chlorhühner“ illustriert wieder einmal deutlich, wie uneinig sich Experten sein können. Aus unterschiedlichsten Richtungen verkünden sie ihre Meinung dazu, wie gut oder schlecht sich die Behandlung von Geflügel mit Chlor auf unsere Gesundheit auswirkt. Allgemein treten vor allem dann Experten in den öffentlichen politischen Diskurs, wenn das Thema besonders brenzlig ist. Ihre Expertise wird etwa im Rahmen von Anhörungen, Enquete-Kommissionen oder individueller Beratung herangezogen. Sie nehmen öffentlich Stellung und geben der Presse Interviews, in denen sie ihre Position erläutern, Politiker berufen sich auf sie. Doch trotz ihres wissenschaftlichen Hintergrunds, der Objektivität suggeriert, ist ihre vermeintliche Expertise oftmals gar nicht so ungefärbt, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Es gibt keine einheitliche Definition für einen wissenschaftlichen Experten. Dementsprechend kann es sich dabei um einen Universitätsprofessor handeln, einen Mitarbeiter aus einem Forschungsinstitut oder um einen Interessenvertreter mit wissenschaftlichen Hintergrund. Insofern lässt sich sagen: Experten sind manchmal auch nur Lobbyisten.

Für wen sprechen sie dann, unsere Chlorhühnchenexperten? Schwer zu sagen. Wissenschaft, die im Dienste der Politik steht, befindet sich in einer Grauzone. Ab dem Moment, in dem wissenschaftliche Experten für die Politik eintreten, kommt es zum Konflikt zwischen zwei unterschiedlichen Systemen. Während die Wissenschaft mit objektiven, zuverlässigen und validen Methoden nach der Wahrheit sucht, geht es in der Politik in erster Linie darum, Entscheidungen zu treffen. Stichpunkte dabei sind Macht, Konflikt und Interesse. Während die Wissenschaftler ergebnissoffen forschen, bis sie zu einem Schluss kommen, entscheiden Politiker unter Zeitdruck. Der Informationsaustausch zwischen beiden Systemen erfolgt nicht, ohne dass eine Umwandlung oder Verzerrung (der Information und/oder der Handlungslogik) auf einer der beiden Seiten passiert. Eine Vermittlerposition einzugehen erfordert einen tiefen Spagat zu machen.

Schließlich lässt sich für jede Position einen wissenschaftlichen Experten finden, der diese auch vertritt. Beim Thema gesunde Ernährung zeigt sich das besonders deutlich. Es gibt Experten, die auf eine rein rohkostbasierte Ernährung schwören und die, die sich für mehr genmodifizierte Lebensmittel einsetzen. Als Laie ist es schwer, den Durchblick zu bewahren. Dabei hilft es, sich eine Erkenntnis aus der kognitiven Psychologie im Kopf zu bewahren: Wir speichern vor allem die Informationen ab, die unsere bereits bestehenden Annahmen bestätigen. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass sich jemand, der im Vorfeld bereits der Überzeugung war, dass sich jegliche Form von chemischer Fleischbehandlung negativ auf die Gesundheit auswirkt, sich die Expertenbeiträge merkt, die mit seiner Annahme übereinstimmen.

Die Bereiche Wissenschaft, Politik und Interessenvertretung beeinflussen sich gegenseitig und die Übergänge erweisen sich als fließend. Deshalb ist es wichtig, Titulierungen von Beteiligten an Debatten kritisch zu hinterfragen. Denn wenige Bezeichnungen sind so wage wie die als Experte…

 

 

 

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