Wir sitzen im selben Boot

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Foto Jyrki Salmi | CC license by 2.0

Manchmal läuft es im Leben so großartig, dass Du dir sagst „Wow, Gott sei dank habe ich mich vor sechs Monaten doch nicht umgebracht.“ Du denkst darüber nach, welche beruflichen Chancen Dir vielleicht entgangen sein könnten, welche Orte Du nie mehr hättest besuchen können, welchen Menschen Du niemals begegnet wärst und wieviele Menschen Du nicht verletzt hättest, wäre Dir all das schon vorher bewusst gewesen. Dass Du viel zu viele Gedanken an Unbedeutendes verschwendet hast anstatt einfach im Moment zu leben. Und Dir wird bewusst, wie gut es Dir eigentlich geht… vor allem im Vergleich zu denen, die froh gewesen wären, mit nur halb so vielen Privilegien durchs Leben gegangen zu sein wie Du.

Zu diesen Menschen gehören Flüchtlinge – derzeit wird über sie in Deutschland so kontrovers diskutiert wie schon lange nicht. Nehmen wir zu viele Flüchtlinge auf oder müssen wir noch mehr aufnehmen? Derartige Fragen sollte man im Grunde genommen gar nicht stellen, denn die Rede ist am Ende des Tages immer noch von Menschen. Menschen, denen unbedingt geholfen werden muss und deren Situation es unmöglich gemacht hat, in ihrer Heimat zu bleiben.

Umso tragischer sind die jüngsten Angriffe verbaler, aber auch physischer Art gegen Flüchtlinge in Deutschland zu betrachten. Selbstverständlich muss niemand zwingenderweise eine Flüchtlingspolitik, egal in welchem Ausmaß sie letztlich umgesetzt wird, begrüßen und darf sie kritisch äußern, oftmals arten derartige Argumentationen leider Gottes doch zu häufig in Stammtischargumentationen aus, dass Flüchtlinge den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen würden.

Ein Tiefpunkt wurde erreicht, als dieser Tage in Tröglitz ein Flüchtlingswohnheim in Brand gesetzt wurde. Auch in Berlin und andererorts ereigneten sich seitdem immer mehr Fälle von Brandstiftung.

Doch warum würde jemand die Leben von Menschen, die nicht viel haben und viele tausende Kilometer gewandert sind, um wenigstens ein Mindestmaß an Schutz zu erhalten, aufs Spiel setzen? Es dürfte einerseits viel Wut im Spiel sein – Wut darüber, dass sich die Politik möglicherweise zu wenig um die Probleme kümmert, die sich auch ohne Flüchtlinge vor der Haustür abspielen? Abneigung gegenüber Fremdem ist häufig jedoch von Angst geprägt, der Angst, dass Fremde nicht berechnen oder vollständig durchschauen zu können.

Daran müssen vor allem die, die in Deutschland bereits heimisch sind – also wir – arbeiten, zum Beispiel, indem wir unsere eigene Identität nicht ständig versuchen in Frage zu stellen, sondern uns bewusst sind, welche Werte wir vertreten und dass wir sie im täglichen Umgang mit allen Menschen, denen wir begegnen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder biographischem Hintergrund teilen. Umso erfreulicher, dass zum Beispiel die Universität Lüneburg dies nun vorlebt und jungen Flüchtlingen die Möglichkeit gibt, als Gasthörer an der Uni zu ein wenig Bildung zu kommen anstatt sinnlos im Heim herumzusitzen. Denn nicht immer darf man darauf vertrauen, dass jemand, der aus der Fremde kommt und dem womöglich bei jeder Gelegenheit klargemacht wird, dass er hier nur „zu Gast“ ist, sich proaktiv dem kulturellen Austausch stellt, wie so mancher zu erwarten scheint – sondern, die „Hausherren“ müssen gegebenenfalls den „Gast“ an die Hand führen und dadurch nicht nur einen Austausch, sondern ein echtes Mit- und Füreinander ermöglichen.

Aber auch diejenigen unter den Flüchtlingen, die sich aus religiösem Hass nicht gegenseitig gönnen, dass sie ein besseres und ruhigeres Leben führen und sich auf den Flüchtlingsbooten bekämpfen anstatt sich gegenseitig zu unterstützen, sollten hart mit sich ins Gericht gehen – denn letztlich sitzt die gesamte Menschheit im selben Boot und letztlich können wir nur miteinander wirklich stark sein und ein gutes Leben führen.

 

Christian P. Krohne ist Public Affairs-Berater und berichtet hier über aktuelle Entwicklungen rund um die Welt der PR, Lobbying und politischen Kommunikation. Sie wollen mit ihm ins Gespräch kommen? Folgen Sie ihm auf Twitter oder vernetzen Sie sich mit ihm auf LinkedIn.