Wie die GdL zum Inbegriff der Unsolidarität wurde

Foto:  Skohlmann / CC Lizenz
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Dieser Tage scheint es, als hätte man in Deutschland einen neuen Volkssport entdeckt: das Streiken. Bereits zum wiederholten Male innerhalb weniger Wochen legten erst die Lokführer und nun auch die Piloten das ganze Land lahm und hinderten Millionen Menschen daran, ihrer Arbeit nachzugehen. Und sorgten für eine Neudefinition des Begriffs „Solidarität“.

Es war kurz nach 7 Uhr morgens, als ich im Radio hörte, dass kurzfristig weder meine S-Bahn noch meine Regionalbahn fahren würde und ich mir einen alternativen Weg in mein Büro in der Friedrichstraße bahnen musste. Dieser alternative Anfahrtsweg dauerte zwar eine Stunde statt einer halben Stunde, aufgrund der zentralen Lage der Friedrichstraße war er jedoch nicht allzu umständlich. Zehntausenden anderen Berufstätigen in Berlin erging es jedoch nicht so und so mussten sie neben einer deutlich verlängerten Anreise ins Büro die Tiefen des Großstadtdschungels hautnah erleben: hektische, verschwitzte und gestresste Menschen, die sich wahlweise in ohnehin schon überfüllte U-Bahnen oder Busse zwängten. Wem das nicht auf Anhieb gelang, der besann sich auf seine Urinstinkte und drängelte, pöbelte und prügelte sich in die Waggons, um dem Schreckgespenst namens „Verspätung“ auch nur irgendwie zu entgehen.

Schuld daran sind die Lokführer. Im Grunde genommen eine Spezies, welche die Sympathien auf ihrer Seite hat. Entgegen aller Behauptungen sorgen sie dafür, dass es in Deutschland vorangeht, wäre es ohne sie schließlich bedeutend schwieriger, Güterwaren und Geschäftsleute von A nach B zu bringen, um wirtschaftliche Leistung zu generieren. Doch seit kurzem ist allen voran die Gewerkschaft der Lokführer zu einem Hassobjekt der Gesellschaft geworden. Es gehört zum Recht eines jeden Arbeitnehmers in Deutschland, sich einer Gewerkschaft anzuschließen, um seine Interessen angemessen und mit Nachdruck vertreten zu sehen. Ein Lokführer verdient zwischen 2200 und 3537 Euro, das ist nicht allzu üppig und daher ist die Forderung nach höheren Löhnen auf alle Fälle nachvollziehbar.

Jedoch erscheint es derzeit mehr als je zuvor, als sei die reine Machtausübung der eigentliche Motor der jüngsten Streiks. Sorge trägt hierfür allen voran Claus Weselsky seines Zeichens Chef der Gewerkschaft der Lokführer (GdL), welcher neben einer Lohnerhöhung für seine Zunft vor allem eines fordert – die Ausweitung seines eigenen Machtspielraumes. Denn die bisherige Spartengewerkschaft möchte in Zukunft mehr als das sein – und auch über Tarifverträge für das sonstige Zugpersonal, also Schaffnern und Bordpersonal, verhandeln. Dies würde die Bedeutung der GdL mit einem Schlag um Einiges vergrößern und das weiß auch Weselsky, der die Streiks in den vergangenen Wochen geschickt dazu nutzte, die Deutsche Bahn als den großen Feind auszumachen und an das Solidaritätsgefühl der Bürger in ganz Deutschland zu appellieren. Dumm jedoch, dass die Streiks erfolgten, noch bevor es überhaupt zu Verhandlungen mit der Deutschen Bahn gekommen ist.

Hatte man vielerorts noch Verständnis für die Forderungen der Lokführer, so scheint dieser Vertrauenskredit nun aufgebraucht zu sein. Innerhalb weniger Tage wurde gleich mehrfach die Arbeit niedergelegt und der Ankündigungszeitrahmen immer kurzfristiger angelegt, wenn dies vollkommen unnötig war. Gerade rechtzeitig zum Beginn der Herbstferien in vielen Bundesländern nun der nächste Streik, der Reisende in ganz Deutschland zur Verzweiflung brachte und vielen die Möglichkeit raubte, seine Reise zu stornieren oder umzubuchen. Dieser Akt fühlt sich wie eine Art Geiselhaft an und bestraft dabei die Falschen. An diesem Wochenende ist für viele Menschen ein Vertrauensbruch mit der ehrenwerten Zunft der Lokführer entstanden, der dazu führt, dass aus Solidarität der schweigenden Mehrheit blanke Wut wird. Der eine oder andere wird sich in Zukunft überlegen, nicht von vornherein lieber auf das Auto oder das Reiseverkehrsmittel der Stunde, den Fernbus umzusteigen. Oder aufs Flugzeug, falls nicht gerade mal wieder die Piloten streiken.

Letztlich ist es immer richtig und notwendig, dort Solidarität einzufordern, wo sie berechtigt ist. Und es ist ein hohes, oftmals unterschätztes, vom Staat geschütztes Gut, dass man als Arbeitnehmer in der Bundesrepublik Deutschland seine Rechte und Interessen vertreten darf. Jedoch sollte Solidarität beidseitig erfolgen, gegenseitig den Rücken stärkend. Im Fall der GdL erklärten sich jedoch nur die Reisenden mit den Lokführern solidarisch, während diese bzw. deren Interessenvertretung dies ausnutzte, um allen voran denen weh zu tun, die sich für sie einsetzen und auf sie als zuverlässigen Beförderer zählen. Der nun verwendete Begriff der angekündigten siebentägigen „Streikpause“ könnte zynischer nicht sein. Angesichts des mittlerweile boomenden Fernbusmarktes, der viele gestrandete Zugreisende herzlich gern aufnahm und an ihre Zielorte beförderte, sollten sich die Lokführer nicht zu siegessicher sein, sondern sich auf ihre ursprünglichen Aufgaben besinnen, denn auch von der technischen Seite her wird bereits an der Konkurrenz für die Lokführer getüftelt – an immer mehr Orten auf der Welt wird zunehmend der führerlose Zugbetrieb getestet

Christian P. Krohne ist Public Affairs-Berater und berichtet hier über aktuelle Entwicklungen rund um die Welt der PR, Lobbying und politischen Kommunikation. Sie wollen mit ihm ins Gespräch kommen? Folgen Sie ihm auf Twitter oder vernetzen Sie sich mit ihm auf LinkedIn.