Wenn falsche Entscheidungen falsch bleiben, kann man das „E10“ nennen

Am 8. März 2011 tagte in Berlin der „Benzingipfel“ unter Beteiligung von Ministerien, der Mineralölwirtschaft, der Autoindustrie, der Ethanolwirtschaft und wer sonst noch so beim Spritbrauen bzw. verfahren mitmischt. Damals war E10 in aller Munde und es stand/steht weder für den Europäischen Fernwanderweg noch für den Edison`schen Lampensockel, sondern für eine 10prozentige Bemischung von Ethanol zu Otto-Kraftstoff. Alle waren seinerzeit so genervt, dass die Bild in der ihr eigenen Art titelte “Nein, tanke“. Während wir 2011 eher über die technischen Probleme und die zögerliche Umsetzung der Vorgaben durch die Autoindustrie diskutierten, steht heute, anderthalb Jahre später, das gute E10 vor dem Hintergrund steigender Brotpreise, einer Jahrhundert-Dürre in den USA und eines leergefegten Weizen-Weltmarktes erneut am Pranger.Dass man mit dem „Nein-tanke-Wort“ immer noch reüssieren kann, hat ein Bundesminister dieser Tage wieder unter Beweis gestellt – okay, es ist Sommer. Aber vielleicht gerade deswegen. Nicht nur die Brotpreise drohen zu explodieren, sondern – Ferienzeit sei tank – sind auch die Spritpreise mal wieder auf Rekordhöhe. Wäre man zynisch veranlagt, könnte man leicht eine Verschwörung der Automobilindustrie mit der Mineralölindustrie und dem Minister dahinter vermuten: Die ordentliche Diskreditierung einer möglichen Alternative zum herkömmlichen Öl, was will man mehr?!

Aber das Thema ist am Ende doch ernster. Da ist zum einen die seit Jahren geführte Diskussion Teller versus Tank. Auf die Nachhaltigkeitsaspekte gehe ich weiter unten ein. Unabhängig von der Trockenheit in den USA reden wir dort mittlerweile schon von einem Anteil um die 40%, der allein beim Mais in die Vergasung bzw. Versprittung also Energieerzeugung wandert. Das lässt sich noch weiter auf die Spitze treiben, denn mit Weizen heizen ist noch fragwürdiger, weil die Biomasse geringer ausfällt. Nur mal ehrlich: Wenn ein deutscher Landwirt Mais (eine C4-Pflanze wie Zuckerrohr oder China-Schilf) für die Biogasanlage statt Weizen für den Weltmarkt anbaut, dann verhungert dadurch niemand. Außerdem verdient er im Zweifel mehr daran als beim Weizen und nicht zuletzt hat Biomethan als ein Vorprodukt des Biogases (aus Mais…) eine hervorragende Energiebilanz – die beste von allen Bio-Energieträgern! Aber schon hier taucht schnell die Frage nach Monokultivierung, Überdüngung (bitte mal auf Algenwachstum im Badesee oder im Bach hinterm Haus achten…!) und steigenden Pachtpreisen auf, weil Energiebauern Dank der Subvention mehr Pacht zahlen können als Kartoffelbauern. Richtig eng wird es aber, wenn z.B. die Zuckerrübe zu Biotehanol verarbeitet wird oder der Raps. Die Zuckerrübe hat durch ihre Erzeugung schon eine negative Energiebilanz – Ackerbestellung, Saat, Düngung, Pflanzenschutz, Bewässerung, Ernte u.s.w. Wenn dann noch die benötigte Energie hinzukommt, die erforderlich ist, um aus der Rübe Kraftstoff zu machen, ist das eine verheerende Bilanz. Etwas anders sähe es aus, die Feldfrüchte nicht direkt über das Ethanol durch den Tank zu schicken, sondern aus dem gewonnenen Brennstoff elektrische Energie zu erzeugen, um damit beispielsweise Elektromobilität zu ermöglichen. Das ist aber auch maximal nur die zweitschlechteste Lösung.

Einen Spezialbereich der Ethik-Debatte stellt die Nachhaltigkeitsdebatte dar. Die spielt bei den nachwachsenden Rohstoffen eine viel größere Rolle – anders als bei Wind, Sonne und Wasserkraft. In Deutschland ist das durch die Biomassenstrom-Nachhaltigkeitsverordnung und Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung umgesetzt worden. Es steht außer Frage, dass Regenwald nicht zugunsten von Palm-Plantagen abgeholzt wird, nur damit in Deutschland oder anderswo Autos mit “Biosprit” aus Palmöl fahren können. Der Weizen im Ofen ist schon angeführt worden. Das gleiche gilt aus meiner Sicht für die ebenfalls schon beschriebene Versprittung von Zuckerrüben. Selbst das Zuckerrohr entspricht nicht unseren Maßstäben von Nachhaltigkeit, wenn brasilianische Arbeiter tagein, tagaus für einen Hungerlohn bei der Ernte schuften – auch wenn die Pflanze an sich viel hergibt. Hier geht es um soziale Mindeststandards. Dem Auto sind diese in der Regel egal, dem Fahrer sollten sie aber nicht gleichgültig sein.

Insgesamt zeigt sich, dass die Lage wieder einmal komplexer ist, als sie auf den ersten Blick scheint. Das Gegenteil von gut ist bekanntermaßen gut gemeint. Das benennt Thomas Straubhaar (HWWI) sehr klar in seinem damaligen Artikel für SPIEGEL-online. Statt „Greenwashing“ zu betreiben, sollten wir uns mit Themen auseinandersetzten, die wirklich Land und Leute voranbringen, die Ressourcen schonen sowie das Klima möglichst wenig beeinträchtigen. Viele Subventionen werden viel zu lange auf einen Haufen geschüttet, ohne dass sich jemand die Mühe macht, sie kritisch zu hinterfragen und ggf. gegenzusteuern. Alkohol ist maximal für den Fahrer gut, wenn er nicht mehr fahren muss. Im Autotank hat er unter heutigen Bedingungen nichts verloren. Hier sollten wir über andere Antriebsformen nachdenken.

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine – dort Abitur 1993 (keine zwei „Ehrenrunden“, sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) – zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Seit August 2013 führe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter.