Wenn der Wesselmann kommt

Wahlurne_Teil3Die Zahl 7 hat eine geheimnisvolle, sagenhafte und vor allem auch biblische Bedeutung. Bekanntermaßen rackerte sich der liebe Gott sechs Tage lang ab, um die Welt zu erschaffen und am 7. Tag konnte er endlich ausruhen. Im Orient gilt die 7 als heilige Zahl – man denke nur an die sieben Weltwunder und selbst in Schwaben hat die Zahl 7 eine besondere Bedeutung: Anfang des 17. Jahrhunderts wurden aus den neun Schwaben kurzerhand die heute bekannten „Sieben Schwaben„. Hier sei ein kurzes Gedenken an die Schwabinger Sieben erlaubt. Jene fast ebenso legendäre Münchener Kiezkneipe, die Jahrzehntelang auf einer Fliegerbombe stand und 2011 weichen musste… Aber auch in Wahlkampfzeiten hat die Zahl 7 eine handfeste Bedeutung.

Sieben Wochen vor dem (Bundestags-)Wahltermin darf z.B. plakatiert werden. Genaueres regeln aber die Kommunen in ihren Satzungen – das gilt sowohl für die Anbringung von Plakaten als auch für deren Rückbau. Für die Bundestagswahl am 22. September ist also der 4. August der Stichtag. Da das jedoch übermorgen ein Sonntag ist, werden die Wahlhelfer und professionellen Plakateaufsteller wahrscheinlich im Morgengrauen des 5. August die „Wesselmänner“ ausbringen. Der Wesselmann ist sicherlich die bekannteste Plakatstellwand der Republik: 3,70 x 2,90m groß und von Wesselmann in Wattenscheid ersonnen, wird sie immer gern auf großen Kreuzungen und in Kreisverkehren zum Einsatz gebracht. Bevor aber der Kampf um die besten Plätze beginnt, hat sich einer schon lange in Stellung gebracht: Das sind die Parteien, die die Regierung stellen. Es verwundert nicht, dass das die Süddeutsche Zeitung besonders hervorhebt. Aber im Ton hat sie völlig recht. Was man in der Opposition kritisiert, muss man in der Regierung noch lange nicht schlecht finden. Die Möglichkeiten auf sich und seine Arbeit aufmerksam zu machen, sind um ein Vielfaches größer als nur Plakate zu kleben.

WahlplakatAber bei dem Thema ist ebenfalls Obacht und Ortskenntnis gefragt. So haben z.B. die Berliner Bezirke genauestens geregelt, wo Plakate hängen dürfen und wo nicht – und vor allem wie lange. Um den Parteien ein Dauerwahlwerben madig zu machen, wird mancherorts eine Kaution pauschal oder pro Wahlplakat erhoben. Wildes Plakatieren an Bäumen oder Litfaßsäulen ist ohnehin tabu. Nachdem z.B. im Bayerischen Viertel in Berlin-Schöneberg die NPD in der Vergangenheit gehetzt hatte – man muss wissen, dass im Bayerischen Viertel viele Gedenktafeln und Hinweise auf früheres jüdisches Leben das Straßenbild prägen – hat man mittlerweile dort Wahlwerbung komplett unterbunden. Eine weitere Berliner Besonderheit ist die Laufstrecke des Marathons am 29. September. Während die Parteien normalerweise bis zu einer Woche (sieben Tage…) Zeit haben, ihre Plakate abzumontieren, gilt an der Strecke die Deadline 25.9. damit der Lauf „ohne Kandidaten“ von statten gehen kann.

Naturgemäß kommt vor dem Aufstellen das Vorstellen. So haben die Parteien ihre Plakatmotive in der zurück liegenden Woche der Öffentlichkeit erste Einblicke in ihre Wahlkampfbilder gewährt und damit schon Diskussionen ausgelöst. Die abschließende Beurteilung bzgl. Optik und Inhalt nehmen ohnehin die Wähler vor. Bekanntlich sagen ja Bilder mehr als Tausend Worte. Somit darf man gespannt sein, welche Kreationen diesen Spätsommer/Frühherbst unser öffentliches Straßen- und Platzbild insgesamt prägen werden – und mit welchen Aussagen. Die Themen werden komplexer. Ein Wahlplakat lebt jedoch von der einfachen Formel. Schaffen es die Wahlwerbetreibenden diesen Spagat hinzubekommen? Wer ist der beste Komplexitätsreduzierer? Vielleicht mutet man den Wählern aber auch mal etwas festere Kost zu – schaden wird`s sicher nicht.

 

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine – dort Abitur 1993 (keine zwei „Ehrenrunden“, sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) – zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Seit August 2013 führe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter.