Vom Pferdefleisch entkoppelt

Bedauerlicherweise ist es nur eine Frage der Zeit gewesen, wann uns der nächste Skandal rund ums Essen heimsuchen würde. Was war da nicht schon alles: Glykol im Wein, Gammelfleisch, Dioxin im Futter, BSE, Vogel- und Schweinegrippe etc. Jetzt also befinden sich ungewollt Pferde im Essen. Gut, es geht weniger um die Frage, ob oder dass Pferdefleisch giftig ist. Es geht hier um eine doppelt moralische Angelegenheit: Zum einen ist Pferdefleisch verpönt, weil liebes Tier und „Familienmitglied“ des Menschen – Hund, Katze, Pferd; zum anderen – und das hat die m.E. größere Dimension – geht es um Etikettenschwindel ganz übler Sorte. Was passiert, wenn es sich irgendwann wieder um richtig unappetitlichen Happen dreht? Warum haben Fleischpanscher trotz aller (theoretischer) Kontrollen, Aufsichtsbehörden und markiger politischer Worte nach einer Krise, endlich mit dem Missstand aufzuräumen, offenbar nach wie vor leichtes Spiel? Die Antwort liegt auf der Hand: komplexe Logistikketten von der Produktion über die Verarbeitung bis in den Handel öffnen Betrüger Tür und Tor. Was waren das noch für Zeiten, als das hausgeschlachtete Schwein in der Waschküche zu Wurst und Schinken verarbeitet wurde und quasi vom Stall in den Pökelkeller gelangte?! Keine Frage, der moderne Stadtmensch im 4.OG Hinterhaus wird sich kaum das Schlachtefest vor Ort antun wollen. Braucht er ja auch nicht, liegt in der Supermarktkühltruhe um die Ecke, sauber in Plastik verpackt, blutfrei und geruchsneutral. Steht im Zweifel drauf „Bio-Fleisch aus kontrollierter Herstellung“. Aha, bio – immer gut! „Herstellung“ könnte fragwürdig klingen, aber jeder weiß, was gemeint ist. Nur, mal ehrlich: Kann man Fleisch und Wurst wie ein Auto oder ein Paar Schuhe „herstellen“?

Selbst da, wo Hausschlachtung noch möglich wäre, weil die entsprechenden räumlichen und technischen Vorrichtungen vorhanden sind, kommt der Hygienewahn um die Ecke. Veterinärmedizinisch unverantwortlich, das Hausschlachten, zu unsauber und zu tierunfreundlich. Die Tiere lebendig durch ganz Europa zu kutschieren, scheint den Magerfleisch-essenden Tierliebhaber (meist Hund, Katze, Pferd zu Hause) wenig zu scheren. Im Zweifel durften die kleinen Tiere sogar von den großen probieren, wird ja gerne an die Liebsten Vierbeiner verfüttert, das hygienisch sauber verpackte Filet, das im Kühlregal des Supermarktes gestapelt liegt.

Was ist grundsätzlich faul im Staate, wenn solche Skandale in vertrauter Regelmäßigkeit uns kulinarische Müßiggänger traktieren? Vier Gedanken dazu:
1. Ein entscheidender Punkt ist die „Entfremdung“ der Kreaturen – hiermit ist der Mensch und sein täglich (Tier-)Fleisch gemeint.
2. Der Hygienewahn, der Preisdruck und damit die Zentralisierung sowie die deutsche Kultur des „Spar-es-Dir-vom-Munde-ab“ haben dazu geführt, dass Lebensmittel ein lästiges Bedürfnis des Alltags geworden sind. Lag der Anteil des verfügbaren Nettoeinkommens für Ernährung in den 1950iger Jahren noch bei um die 50%, so befindet er sich heute bei 14% (inkl. Tabakwaren! Quelle: Statistisches Bundesamt). Die Bezeichnung „Lebensmittel“ verdienen ohnehin nur noch die wenigsten Produkte. Das meiste sind vitalstoffarme, tote Nahrungsmittel – von irgendwelchen studierten Lebensmittelchemikern, die sich auch gerne „Food-Designer“ nennen, zu Tode gemartert.
3. Wer an der Billigtheke im Supermarkt einkauft, sich aber über den Maststall in der Nachbarschaft aufregt, hat es nicht besser verdient.
4. Die Verbraucher werden rauf und runter geschützt, sie sind aber das letzte Glied in der Kette – Ursache und Wirkung vertauscht? Die Politiker sind nur mehr Getriebene, anstatt selbst einen Antrieb zum Richtungswechsel zu geben. Neuester Vorschlag: Flächendeckende Gentests, um Betrügereien aufzudecken. Das ist die klassische Symptombehandlung. Die Ursachen bleiben unberührt.

Was bedeutet das im Einzelnen? Als Angehöriger der jetzt lebenden sog. mittleren Generation (35-65) bin ich auf einem Dorf groß geworden – selbst mit Tieren auf dem Bauernhof lebend, wo es in Kindertagen noch einen Fleischer gab, der aus der Nachbarschaft die Schweine und Großtiere bekam. Die Überzähligen Tiere hat der Schlachter aus dem Nachbardorf abgeholt – heute gibt es Lebendtiertransporte durch ganz Deutschland und halb Europa. Wie viele Tiere auf diesem Weg bereits an Stress oder Durst verenden, weiß nur der Allmächtige. Vor gar nicht allzu langer Zeit wussten Schlachter und Bauern sowieso, aber auch die Kunden vor der Metzgertheke, die heute nur als „Verbraucher“ tituliert werden (s. Punkt 4) genau, wo es herkommt und schließlich hingeht. Da hat der Junge, der von der netten Fleischereifachverkäuferin vorne an der Wursttheke ein Stück Jagdwurst auf die Hand bekam, von hinten im Schlachthaus auch einmal ein Schwein um sein Leben schreien hören. Das hat ihm Respekt eingeflößt und ins Bewusstsein gerufen, was der Kreislauf des Lebens bedeutet. Fleisch ist eben nicht selbstverständlich wie Strom und Heizung. Es muss einem anderen (Lebewesen) in der Natur mühsam abgerungen werden. Diese Mühsal sollte heute der eine oder andere einmal auf sich nehmen, dann würde er den täglich Braten wieder würdigen! Zudem haben die meisten Bauern im Dorf seinerzeit ihre Schweine und Hühner mit Getreide und Schrot aus eigenem Anbau gefüttert.

Was aber ist passiert mit dieser heilen und durchaus logischen, weil kreatürlichen Welt? Der vermeintliche Hygienewahn hat reihenweise kleine Dorfschlachtereien zum Aufgeben gezwungen, weil sie die Auflagen, die alles so rein und sauber werden lassen sollten, nicht erfüllen konnten. Bloß, kannten wir damals oder noch früher BSE, die für den Menschen gefährliche Hühner- und Schweinegrippe, nationale Gammelfleisch- oder gar Dioxinskandale? Nein! Erst als die Produktion völlig aus dem Blickfeld des Konsumenten geriet, konnten alle wunderbar schalten und walten, wie sie wollten: Die Bauern, die die Gunst der Stunde gekommen sahen und jetzt endlich mal in Masse machen konnten. Sie entwickelten sich weg von der bäuerlich-dörflichen Landwirtschaft hin zu anonymen, industriell gemanagten Großbetrieben – Schritt eins der Entfremdung. Des Weiteren konnten die skrupellosen Futtermittelmischer, Fetthändler und wer sonst noch so alles „mitmischt“ nach Herzenslust alles zu „Futter“ verarbeiten, was nicht bei drei auf dem Baum war. Der abnehmende industrielle Mäster hat keinen Überblick mehr, was in dem Fertigfutter ist, das am Ende der Mastzeit nur noch „Hähnchen finisher Standard“ heißt. Das Masthähnchen wird naturgemäß nicht gefragt, was es mag. Vielmehr wird es so manipuliert, dass es am Ende 1 kg Körpergewicht bei nur 1,2 kg Futterverzehr gewonnen hat – Schritt zwei der Entfremdung.

Das eigentlich Dramatische an der Entwicklung aber ist – und darum wird sich auch nichts ändern –, dass der Supermarkt-Kunde keinen Schimmer hat, wo die Grillwürstchen Thüringer Art genau herkommen und wie sie entstanden sind. Zwar versehen die Marketing- und Werbestrategen die Verpackung mit allen gesetzlich erforderlichen Angaben wie Herstellerm Inhaltsstoffe oder Haltbarkeitsdatum. Aber wie die lebende Kreatur vorher behandelt wurde, was sie u.U. erleiden musste, das hat der Kutter (das ist die nette Maschine, die aus einem ganzen Schwein am Stück, mit Borsten, Haut und Gedärm zur Not die perfekt schmeckende Bratwurst macht) eingeebnet. Ein bisschen Nitritsalz und die entsprechenden Geschmacksverstärker, das Ganze hübsch verpackt, machen daraus Schweinenacken de luxe. Vielleicht würde ein Bild aus dem kalten, dunklen Betonspaltenbodenstall, wo mit Scheiße verdreckte Tierleiber aneinander gequetscht kauern, helfen, einen realitätsnäheren Eindruck zu verschaffen. Immerhin hat ein Schweinzüchter aus Schleswig-Holstein in seinem Abferkelstall eine Web-Cam installiert. Er will zum einen zum einen damit für Transparenz sorgen, was ihn wahrlich ehrt. Zum anderen will er aber auch zeigen, dass das im frischen Stroh kobernde Borstenvieh, das sich evt. sogar noch schön auf der Streuobstwiese hinterm Stall die Beinchen vertreten kann, eben heute nicht mehr Schweinealltag ist.

Leider ist das bei Eiern kein bisschen und bei Milch nicht wahnsinnig viel anders. Am Ende bleibt natürlich die Frage, ob der Verbraucher an dieser Entwicklung Schuld hat, weil er zwar die Waren nach-, die Produktionsmethoden aber nicht hinterfragt? Würde er allerdings kaufen, wenn man ihm nicht ständig so ein günstiges Angebot unter die Nase halten würde? Fleisch z.B. ist auch im wahrsten Sinn ein (Kauf-)Köder. Was ist mit der Politik? Sicherlich, ein einzelner Politiker würde niemals diesen Zustand der Produktion goutieren. Massentierhaltung, schlechtes Futter, Tiertransporte, das ist alles nicht politisch korrekt. Nichtsdestotrotz, sind über Jahre und Jahrzehnte Entscheidungen für Rahmenbedingungen geschaffen worden, die ein besseres Leben für alle – Mensch und Tier – ermöglichen soll(t)en; sogar vom Tierschutz im Grundgesetz ist ständig die Rede. Doch wie so oft im Leben, ist das Gegenteil von gut eben gut gemeint: Der Mensch frisst sich immer kränker – oder auch, wie Blohme und Augstein fragen: „Sparen wir unser Essen krank?“ Kein Wunder, die Tiere sehen oft keinen Halm Stroh in ihrem Leben, sondern nur Gummi- und Betonspalten – oder Drahtstangen, wenn es sich um Hühner handelt.

Keine Frage, den EINEN Schuldigen gibt es natürlich auch dieses Mal nicht. Es sind viele Spieler und Faktoren: Der Erzeuger, der sich von der Rendite der hohen Stückzahlen locken lässt – locken lassen muss, wenn er betriebswirtschaftlich handelt – , ohne über artgerechte Haltung und Fütterung nachzudenken. Der Futtermittelhersteller und -händler, der auf Anweisung des abnehmenden Fleischanbieters das Futter an die Mäster ausliefert. Der Fetthändler, der im Zweifel dafür sorgt, dass der brasilianischen Sojabohne, die zwar reich an Proteinen ist, auch noch das energiereiche Fett beigemischt wird. Es sind die Supermärkte, die im Buhlen um den Verbraucher, das Kilo Schweinefilet auf 1,99 € runtersubventionieren, damit die Leute kaufen („Köder“). Wenn eine Kette anfängt, „müssen“ dann nachziehen, die Spirale nach unten kennt kaum mehr einen Boden. Letztendlich trägt aber auch der Kunde/Verbraucher Verantwortung. Er entscheidet ganz persönlich, was er kauft und was nicht.

Doch an dieser Stelle liegt das größte Dilemma: „Wenn ich es liegen lasse, kauft es ein anderer.“ Das ist ähnlich dem berühmte “Demokratie-Dilemma”: Wen stört es, ob ich wähle oder nicht?! Wenn so jedoch beispielsweise in Deutschland 60 Mio. Wahlberechtigte denken, dann findet Demokratie woanders statt. Everyone matters!!!
Der Verbraucher steht selbstredend im Mittelpunkt. Vielleicht sollten wir den „betroffenen Verbraucher“ zur Lichtgestalt des Jahres küren. Aber reduziert es nicht intellektuelle Lebewesen auf den einen Vorgang: Verbrauch? Vielleicht wäre doch Konsument sprachlich etwas besser… Aber immerhin gibt es mittlerweile auf allen politischen Ebenen Verbraucherschutzministerien. Doch wo endet der Schutz und wo beginnt die Bevormundung?

Den Verbraucher bevormunden, so beschützenswert er auch sein mag, sollte die Politik besser nicht, das rächt sich nämlich langfristig. Viel besser wäre es, wenn politische Entscheidungen zu einem mündigen Konsumenten führen: Fakten, an denen sich jeder verläßlich origentieren kann. Der Verbraucher/Konsument stellt nämlich in der Kette vom Fressen und Gefressen-Werden das letzte Glied dar. Das ist aktuell buchstäblich der Pferdefuß an der ganzen Sache. Er hat keinen Einfluss auf das Futter, das die Tiere bekommen, dessen Eier, Milch oder am Ende Fleisch er verzehrt. Wie will man ihn da effektiv schützen? So naiv, dass Gesetze und Verordnungen jeden Geschäftemacher mit der lebenden Kreatur abschrecken, können nur die sein, die diese Regelungen ersinnen. Daher werden die Skandale in der Zukunft zu- und nicht abnehmen. Auf der anderen Seite – das sei fairerweise zugegeben – sind die regulativen Maßnahmen, ein hochkomplexes Deklarationssystem, um die Massenmärkte der „Lebensmittel“ (besser: Nahrungsmittel, s.o.) zu bändigen, im derzeitigen Regime ziemlich ohne Alternative. Wenn ich etwas kaufe und dem Produkt nicht ansehen kann, wo es herkommt und was es enthält, muss ich mich auf das „Davor“ verlassen können. Wie sollte ich ggf. auch nachvollziehen, was die Kontroll-Chiffre „2050080“ in Bezug auf den aktuellen Pferdefleischskandal bedeutet?

Das einzige – und diese Entwicklung ist zum Glück deutlich erkennbar – was hilft, ist Dezentralisierung. Wenn der städtische Fleischkäufer am Sonntag ins Umland fährt und sich die grasenden Steaks anschauen kann, die in Bälde auf seinem Teller landen, dann kommen wir dem gesunden Ablauf einen gehörigen Schritt näher. Wenn er darüber hinaus dem Bauern – und nur derjenige, der ehrlich außerhalb von Masse mit den Tieren sein täglich Brot verdient, sollte sich auch “Bauer” nennen dürfen – vertraut, ist das noch besser. Wenn er dann noch den Metzger, der mit dem Erzeuger zusammenarbeitet, kennt, dann ist das die Vorstufe zum Paradies für alle menschlich und tierisch Beteiligten. Die Politik muss also endlich zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden lernen. Wenn der in kleinen Einheiten produzierende und vor Ort vermarktende Bauer in der Existenznotecke verhungert, wird es ihn logischerweise bald gar nicht mehr geben. Ein Schweinestall für 10.000 Überläufer auf der grünen Wiese mit EU-Geldern subventioniert, wird dagegen als politische Großtat gefeiert – das schafft Arbeitsplätze! Wer so etwas behauptet, gehört in diesem Stall eingesperrt. Das Leben ist jenseits der ganz großen Weltfriedenstheorien – und hier macht keiner der europäischen Idee beispielsweise etwas streitig – eben lokal und sehr überschaubar. Dieses Bewusstsein müssen wir uns offenbar wieder aneignen.

Fazit: Ohne Dezentralisierung der Erzeugungskette (vom Bauern zum Schlachter und damit zur Ladentheke) und ohne die Bewusstseinsveränderung, dass Fleisch, Milch und Eier eben nicht aus dem Supermarkt kommen, sondern von zunächst lebenden Tieren, wird ein Skandal den nächsten ablösen. Die Skandälchen kriegt ja erst gar keiner mit. Darum ist der Pferdefleischskandal vom eigentlichen Dilemma einmal wieder entkoppelt zu betrachten.

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine – dort Abitur 1993 (keine zwei „Ehrenrunden“, sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) – zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Seit August 2013 führe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter.