Terminator an Omas Bett?

Gefühlslose Roboter pflegen künftig unsere Alten. Ist Pessimismus wirklich angesagt?
Gefühlslose Roboter pflegen künftig unsere Alten. Ist Pessimismus wirklich angesagt?

Deutschland steuert dem Pflegenotstand entgegen. Bis 2030 wird die Zahl der Pflegebedürftigen auf 3,4 Millionen Personen steigen. Gleichzeitig werden 2030 2,5 Millionen Pflegekräfte fehlen. „Wir stehen vor einer Energiewende. Aber die Tragweite des Themas Pflege wird hierzulande immer noch unterschätzt“, so AOK-Vorstand Jürgen Graalmann bei der Auftaktveranstaltung des Deutschen Pflegetags 2015 in Berlin. Pflegekräfte aus Europa und Übersee sind nur ein Lösungsansatz. Ein Blick nach Japan deutet eine weitere Option an: Den Einsatz von Pflege- und Servicerobotern. Dabei sind die Bürger zurückhaltend gegenüber dem Robotereinsatz in der Pflege. In unserem zweiten Beitrag zur Digitalisierung und Automatisierung der Wirtschaft beschäftigen wir uns mit den Fragen der Regulierung und Einführung von Robotern in der Alten- und Krankenpflege. Ein erster Sachstandsbericht.

Mannigfaltige Anwendungsmöglichkeiten

Wir kennen sie aus der Fernsehwerbung: Flinke, lautlose Helfer des Alltags, die den Rasen mähen oder für Sauberkeit in den eigenen vier Wänden sorgen. Automatisierte Systeme des Militärs führen weltweit zu kontroversen Debatten. Roboter werden in Zukunft noch mehr und umfassender unseren Alltag prägen.

Das gilt auch für die Pflege. In Japan sind Roboter in der Seniorenbetreuung im Einsatz. Erste (positive) Erfahrungsberichte gibt es auch in Deutschland. Die Einsatzmöglichkeiten erstrecken sich von der Unterhaltung, Therapie und Mental-Training, über Transportdienste bis hin zur Patientenmobilisierung und -hygiene sowie das Anreichen von Mahlzeiten oder Medikamenten.

Bedingte Akzeptanz in der Bevölkerung

Menschen heißen den Einsatz von Robotern in Pflege- und Gesundheitsdiensten bedingt gut. US-Wissenschaftler fanden heraus, dass sich Patienten unter bestimmten Voraussetzungen durch Roboter waschen lassen. Rein funktionale Berührungen werden nicht als unangenehm empfunden – Kontakte zum Trostspenden sehr wohl. Eng verbunden mit der direkten Interaktion von Roboter und Patient ist der Diskurs über den Ersatz von menschlicher Arbeit durch Maschinen: Es stellt sich die ethische Frage der Dehumanisierung der Pflege. Die von der EU finanzierte Forschungsgruppe RoboLaw berücksichtigte diese Fragestellung in ihrem Bericht „Guidelines on Regulating Robotics“ (2014; S. 176), kommt aber zu keinem abschließenden Ergebnis. Eine breite gesellschaftliche Debatte dieser kontroversen Frage steht noch aus.

Laut Eurobarometer (2012) befürworten 22 Prozent der Europäer bzw. 20 Prozent der Deutschen den vorrangigen Einsatz von Robotern im Gesundheitswesen. Europäer und Deutsche befürchten gleichermaßen (70 bzw. 76 Prozent), dass Roboter Arbeitsplätze vernichten werden, und sind skeptisch gegenüber den Robotereinsatz in Altenpflege (60 bzw. 76 Prozent Ablehnung). Die Ablehnung für die Nutzung im Gesundheitsbereich ist deutlich kleiner (27 bzw. 28 Prozent).

Eine Umfrage der ERGO-Versicherung ergab, dass sich ein Viertel der Befragten vorstellen können, im Pflegefall von einem Roboter versorgt zu werden. 40 Prozent lehnten dies ab. Der VDE stellte in einer Studie fest, dass die Befürwortung von Service-Robotern und der Wille, diese auszuprobieren, bei den befragten Senioren erheblich auseinanderklafft. Dabei spiele die Lebenssituation eine erhebliche Rolle. Etwa die Hälfte der Alleinlebenden stehe der Nutzung eines Roboters in den eigenen vier Wänden positiv gegenüber.

Roboter: Wen oder was sollen wir regulieren?

Der massive Einsatz von Pflege- und Service-Robotern in Pflegeheimen und Krankenhäuser wird viele Fragen mit sich bringen. Gesetzgeber und Verwaltung werden Antworten finden müssen. Beispiele:

  • Wer soll Roboter einsetzen dürfen? Was für Vorgaben – z.B. zertifizierte Managementsysteme der Krankenhäuser und Heime, Ausbildung des Personals bzw. der Privatanwender – werden notwendig sein?
  • Wer ist verantwortlich, wenn ein Patient durch einen Roboter Schaden nimmt – der Hersteller, der Programmierer, der Träger der Einrichtung, die Pflegekräfte oder andere User?
  • Welche Herausforderungen für den Arbeitsschutz und Patientensicherheit sind zu berücksichtigen?
  • Soll es Zuschüsse für Systeme im Rahmen der häuslichen Pflege geben?
  • Wie handhaben wir den Datenschutz? Pflegeroboter erfassen eine Vielzahl persönlicher Daten.
  • Wollen oder benötigen wir (weitere) internationale Industriestandards für Pflegeroboter?
  • Wie rechnen wir den Einsatz von Pflege- und Service-Robotern bei den Kassen ab? Werden nur Leistungen in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen erfasst oder auch der Einsatz in der eigenen Wohnung?
  • Wie entwickeln wir die Patientenrechte fort, wenn Roboter Einzug in Betreuung und Pflege halten?
  • Wie stellen wir den sozialen Frieden in den Unternehmen sicher? Roboter sollen eine Ergänzung kein Ersatz von Pflegekräften sein!
  • Wie integrieren wir den Robotereinsatz, so dass damit keine weitere soziale Aufspaltung der Patienten einher geht? Die Versorgung durch Menschen darf keine Frage des Portemonnaies werden!

Solche und andere Fragen werden beantwortet werden müssen. Nicht heute oder morgen, aber in den kommenden Jahren. Für einige Antworten finden wir Orientierungen: Bereits jetzt arbeiten Autonome Logistikroboter in Kliniken und Wirtschaftsunternehmen. Die Ära der selbstlenkenden Fahrzeuge ist nur eine Frage der Zeit.

BITKOM, ZVEI und VDMA haben in der Umsetzungsstrategie Industrie 4.0 bereits auf Sicherheitsaspekte kollaborativer Roboter verwiesen. Bei der Pflege müsste dies noch weiter gedacht werden.

Handeln ist geboten. Esben Østergaard, Chief Technology Officer bei Universal Robots A/S (Dänemark), schildert in seinem Artikel die Komplexität der (internationalen) Normierung. Es bestehen bereits Normen über die Sicherheit von Pflegeroboter (z.B. ISO 13482:2014). Jedoch bedarf es eines Abgleiches, inwiefern nationale wie europäische Anforderungen bereits erfüllt werden und wo weiterer Handlungsbedarf besteht. Einheitliche (internationale) Standards sind eine wichtige Voraussetzung für die Teilhabe europäischer Hersteller auf dem wachsenden (Pflege-)Robotermarkt. Hierzu bedarf es einer starken europäischen Stimme, um die Interessen der EU-Wirtschaft weltweit zu vertreten.

Nachholbedarf in Politik und Verbandslandschaft?

Betrachten wir die Schlüsseldokumente der Bundesregierung zu Herausforderungen in Pflege und Wirtschaft finden wir nur wenige Hinweise darauf, dass sich die Ministerien mit dem Sachverhalt auseinandersetzen. Weder die Digitale Agenda der Bundesregierung noch die Demografiestrategie befassen sich mit der Thematik. Im Demografieportal der Regierung findet sich ein Eintrag. Das für die Pflege zuständige Bundesgesundheitsministerium weißt ganze fünf Treffer zum Stichwort „Roboter“ im Zeitraum 2011-2015 auf. Andere Themen dominieren im Bundestag: In der 18. Legislaturperiode sind bislang 15 Drucksachen zum gleichen Suchbegriff aufgeführt. Berücksichtigt man, dass die Roboter-Thematik unter anderem auch Industrie-, Verteidigungs- und Forschungsfragen betrifft, erscheint die pflegepolitische Befassung noch geringer. Die Bundestagsfraktionen der Regierungskoalition zeichnen ein ähnliches Bild. Bei der SPD finden sich vier (alle 2012), bei der CDU/CSU-Bundestagsfraktion sechs Einträge (2007-2014) zu „Roboter“. Zum Vergleich: Zum verwandten Themenkomplex „Digitalisierung“ finden sich für 2015 im Bundestag 100, bei der SPD-Bundestagsfraktion 18 und bei der Unions-Fraktion 36 Treffer.

Vollends untätig ist die Politik dennoch nicht: Das BMBF fördert Forschungsarbeiten, z.B. zu Servicerobotern in Krankenhäusern. Die CDU hob 2014 die Kommission „Arbeit der Zukunft – Zukunft der Arbeit“ aus der Taufe und die SPD thematisiert derlei Zukunftsfragen unter anderem mit der Plattform #DigitalLeben. Konkrete Vorschläge zur Klärung gesellschafts-politischer Fragen oder der Regulierung von Pflegerobotern drangen bislang noch nicht nach außen.

Damit sind die Parteien nicht alleine. Bei den Spitzenverbänden GKV und PKV finden sich keine Äußerungen zur Pflegerobotik. Ebenso ist bei den unterschiedlichen Pflegeverbänden von außen keine umfassende, gesellschaftsübergreifende Debatte erkennbar.

Auf europäischer Ebene hat man die Relevanz rechtlicher Fragen der Robotik erkannt. Der Rechtsausschuss des Europaparlaments hat nun eine Arbeitsgruppe zum rechtlichen Rahmen für Roboter ins Leben gerufen. Die Berichterstatterin Mady Delvaux (S&D): „Wir brauchen neue europäische Standards. […] Industrieroboter zum Beispiel sind schon durch die Richtlinie zu Maschinen abgedeckt. Wir müssen die Roboter testen, um zu sehen, wie sie reagieren und welche Unfälle bei der Interaktion mit Menschen passieren können. Außerdem gibt es die Zugangsfrage: Wenn Roboter wirklich das Leben leichter machen, müssen wir sicherstellen, dass jeder sie sich leisten kann. […] Wenn wir keinen rechtlichen Rahmen für die Entwicklung von Robotern festlegen, wird der Markt von Robotern aus Drittstaaten geflutet. Das Europäische Parlament wird das erste Parlament in der Welt sein, dass einen rechtlichen Rahmen für Robotsysteme diskutiert und kreiert.

Ob Energiewende, Digitalisierung oder Infrastruktur – auch bei der Pflegerobotik wird eine breite Debatte notwendig sein. Es ist mehr als ein Thema für Fachleute. Und nur mit den Betroffenen – Patienten, Angehörige, Pflegepersonal – wird eine nachhaltige Lösung möglich sein. Packen wir es an.

In den nächsten Teilen dieser Serie widmen wir uns unter anderem der Frage, wie man den Einsatz von Pflegerobotern kommunikativ begleiten und fördern kann.