„Breaking News“-Mentalität

Foto: Ben Sutherland
Foto: Ben Sutherland

Keine vier Wochen ist es her, da regten wir uns noch über über die Ereignisse rund um die teilweise menschenunwürdigen Gegebenheiten kurz vor der Fußball-WM in Brasilien auf. Das Thema wurde in den Medien im Minutentakt aufgegriffen – von WM-Boykott war vielerorts die Rede; die WM dürfe unter diesem Hintergrund keinesfalls statt finden. Mittlerweile befinden wir uns in der K.O.-Runde des Turniers und die Fenster in Deutschlands Straßen sind behangen mit den deutschen, brasilianischen oder italienischen Farben – doch wo sind plötzlich die kritischen Stimmen hin?.

Nur einige Tage später wurde diese Welle der Empörung gänzlich abgelöst von der Diskussion um die berühmt-berüchtigten „Chlorhühner“, deren Einführung uns drohen würde, käme das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP zustande. Europa befinde sich in einem „Race to the bottom“, einer Entwicklung hin zu schlechten Qualitätsstandards, die unser Essen ein für alle Mal ungenießbar machen würden, lautete der Grundtenor. Und heute? Keine Rede mehr davon. Es scheint, als hätten Skandale heutzutage eine immer kürzere Mindesthaltbarkeitsdauer. Ein brisantes Thema kann mittlerweile genauso schnell wieder verschwinden, wie es aufgebauscht wurde – solange es rechtzeitig ein neues brisantes Thema gibt, über welches sich alle empören und den moralischen Zeigefinger erheben können. Konsequenzen oder der Versuch einer seriös geführten gesellschaftlichen Debatte sucht man jedoch vergeblich.

Aktuell sorgt der Fall der irischen Bekleidungskette PRIMARK, bei dem angeblich in Kleidung eingenähte Hilferufe von asiatischen Textilarbeitern gefunden worden waren, hohe Wellen. Schnell war klar, dass der Trend – ob die Botschaften nun gefälscht waren oder nicht – wieder mehr hin zu ethisch vernünftig hergestellter Kleidung gehen muss. Nur wenige Tage nach diesem PR-Desaster für Primark eröffnete diese am Alexanderplatz seine zweite Berliner Filiale. Der Firma hat der Skandal bislang offenbar keinen Abbruch getan – das Geschäft wurde erwartungsgemäß von den Kaufwütigen gestürmt und mit lauter vollen braunen Papiertüten wieder verlassen. Es darf bezweifelt werden, dass das Thema noch lange die Zeitungen beherrschen wird.

Abschließend bleibt daher die Frage im Raum stehen – befinden wir uns tatsächlich im „Fastfood-Informationszeitalter“, in welchem wir nicht nur Nachrichten im Sekundentakt konsumieren und wieder vergessen, sondern vor allem in ebenso schnellem Tempo auf die dunklen Seiten des Weltgeschehens hingewiesen werden, jedoch nicht mehr dazu kommen, um daran zu denken, wie wir wenigstens einen kleinen Teil zur Verbesserung der Welt leisten können? So viele Vorteile wir durch den immer größeren Zugriff auf Informationen geschaffen haben – wir sollten uns hin und wieder die Zeit nehmen, uns von der „Breaking News“-Mentalität zu lösen, und die Dinge auch dann in Frage stellen, wenn wir sie nicht mehr direkt vor Augen haben.

Christian P. Krohne ist Public Affairs-Berater und berichtet hier über aktuelle Entwicklungen rund um die Welt der PR, Lobbying und politischen Kommunikation.

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