Plakative Wahlplakate

Wahlurne_Teil4Keine 25 Tage mehr bis zur Bundestagswahl (für Twitterer #btw13). Da liegt es natürlich auf der Hand, sich auch einmal mit den Wahlaussagen in Kurzform, sprich den Plakaten zu beschäftigen. Der Postillion hat das natürlich längst getan. Auch SZ und SPIEGEL stehen dem nicht nach. Im aktuellen SPIEGEL werden u.a. vier „Kampagnenväter“ (Mütter sind in dieser Branche seltener…) interviewt. Karsten Göbel hat über das WIR nachgedacht – und es der SPD zurück geholt, Lutz Meyer taucht den Sommer in Orange („Wir haben eine neue Farbwelt geschaffen, mehr Orange, weniger Blau…“), Hans Langguth steht dafür gerade, dass wir alle geduzt werden und der nicht beneidenswerte Armin Reins musste sich Anfang der Woche anhören, dass die FDP Werbematerial mit der NPD geteilt hat – sparen am falschen Ende hat mitunter einen hohen Preis. Es gibt zwei bemerkenswerte Punkte am Plakatwahlkampf: Er zieht noch immer, das zumindest behaupten Kommunikationswissenschaftler wie Prof. Trebbe von der FU Berlin und die Plakate spiegeln die hohe Kunst wider, komplexe Zusammenhänge auf einen Plakatsatz oder manchmal nur -wort runterzudampfen – im Idealfall.Beginnen wir mal mit letzterem: Wohlwollend könnte man meinen, die Herkulesaufgabe von Politik bzw. der Kampagnenmacher besteht darin, Komplexitätsreduktion zu betreiben. Das mag in der BILD gut funktionieren („Wir sind Papst!“ oder „Der Mond ist jetzt ein Ami“), aber schwierige politische Themen in aller Kürze so zu behandeln, dass am Ende ein unbescholtener Wähler sagt: „Jawoll, die wähl` ich!“ ist ein bisschen wie die Würfelmachung der Kugel (A.M.). Von den etablierten Parteien setzt die LINKE beinahe den meisten Intellekt voraus: „Statt Flaschen sammeln: 1050 € Mindestrente!“ Okay, es geht um eine Mindestrente – aha! Aber was zum Teufel hat das mit Flaschensammeln zu tun?! In Berlin vielleicht noch eruierbar, aber im niedersächsischen Wipshausen kennt keiner den Zusammenhang, weil da keiner Flaschen sammelt – und zum Glück nicht sammeln muss!

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Ein Sammelsurium an verschiedenen Wahlplakaten in Berlin und im Lande

Die Grünen setzen in erster Linie auf (Themen-)Vielfalt. Immerhin zehn verschiedene Themenplakate haben sie im Bundestagswahlkampf im Einsatz. Die SPD bringt es immerhin auf acht, die Union – gefühlt – auf zwei. Die Grünen sagen sich, von hier bis Bagdad ist politisch eben alles relevant: Kitaplätze, Energieriesen, Kühe, Getreide, Mindestlohn, Rente und die Verbraucherbevormundung sowieso. Aber warum in Herrgottsnamen duzen die Grünen dieses Mal alle?! Das geht ungefähr so: Auf einem Foto sind Frau Dr. Schröder (noch Familienministerin) und Frau Dr. Merkel (Kanzlerin) zu sehen. Die Fragen lauten: „Kitaplätze? Haben die keine Oma? Und Du?“ Auf der Metaebene geht es hier natürlich um das wichtige Thema Kitaplätze – auch wohl eher etwas für Ballungszentren. Subkutan wird aber auf das Betreuungsgeld und die aus Sicht der Grünen fehlgeleitete Familienpolitik angespielt. Die offene Frage „Und Du?“ soll zum Dialog anregen und auffordern. Aber das passt irgendwie nur halb. Das Kind, dass mit trotziger Schnute verkündet „Ich werde ein Energieriese. Und Du?“ ist da schon schlüssiger. Aber warum will ein Kind ein „Energieriese“ werden, wenn die Grünen doch für Dezentralisierung und gegen die „Konzerne“ zu Felde ziehen?!

Die Union kommt mit wenigen Protagonisten und Worten aus: „Gemeinsam erfolgreich“ ist ein Beispiel dafür. Zu sehen ist nur die Kanzlerin und im Hintergrund verschwimmen ein paar Statisten-Männer. Hier könnte man glauben, Pluralis Majestatis Merkel hat gesprochen, mehr braucht die Union nicht. Aber gut, das ist natürlich zu kurz gesprungen. Die Kanzlerin ist einfach der Trumpf, Punkt! Neuerdings ist die SPD etwas umgeschwenkt. Seit einigen Tagen zeigt der überlebensgroße Peer Steinbrück mit dem nackten Finger von den Wesselmännern und schleudert den erschreckten Autofahrern (und Fahrradfahrern) entgegen, dass ihre Stimme zähle. Ja klar, wenn die zur Wahl gehen, ist doch stark zu hoffen, dass auch ihre Stimme zählt. Das WIR der SPD ist hingegen etwas in den Hintergrund gerückt. Nach einem unglücklichen Start von „Das WIR entscheidet“ – damit ist nicht der Wahlkampf der Kampa gemeint, sondern der „Klau“ des Slogans ausgerechnet von einer Zeitarbeitsfirma – musste sich die Partei zu recht viel Kritik gefallen lassen. Wenn diese teilweise blassen Plakatgestalten „ehrlich“ wirken sollen, dann prost Mahlzeit. Frau Nahles, die SPD Generalin, sagte beim Vorstellen der Plakatkampagne: „Wir wollen ehrlich wirken.“ Nun, das muss man sich auf der semantischen Zunge zergehen lassen. Man will offenbar nicht ehrlich sein, sondern lediglich ehrlich wirken…

Am besten man vereinfacht die Welt noch ein bisschen mehr und haut lediglich das Wort „FREIHEIT“ raus. So macht es z.B. die FDP. „Freiheit, nur mit uns“, wirbt sie. Da bekommt man fast den Eindruck, dass alle anderen für alle den Knast wollen. Aber halten wir den Liberalen zugute, dass Sie das schwerste Paket überhaupt zu tragen haben. Fast 15 % zu verteidigen mutet ähnlich herkulisch an, wie der Kuh das Fliegen zu lehren. Durchaus einprägsam ist das fast 100%ige CI der Protagonisten: Blaues Hemd, gelbe Krawatte, navy-farbenes Jackett, da bleibt sich die FDP eben treu. Schade, dass wir keine gelben Pullunder mehr bewundern dürfen…

Alles in allem muss den Parteien und ihren Werbern zugute gehalten werden, dass sie sich wieder redlich abmühen und viel ins Plakatmaterial investieren, um uns Wähler hinterm Ofen hervorzulocken. Gut, das gleicht am Ende die Wahlkampfkostenerstattung durch Steuermittel wieder aus. Insbesondere die Wahlunwilligen sollen über die „Kommunikation im Straßenraum“ angesprochen werden. Das führt zum ersten Aspekt der oben angesprochen wurde. Es ist nicht für jeden selbstverständlich, dass am 22.9.2013 Bundestagswahl und Hessenwahl ist. Klingt für viele „Insider“ nach „hallo!“, ist aber so. Insofern spricht die „Straße“ auch im Internetzeitalter noch die meisten Menschen an. Hoffen wir, dass es genauso ist, wie die Wissenschaftler bestätigen! Denn eine Demokratie funktioniert nur so gut, wie sie durch die Wahlbürger und deren Wahl gestaltet wird. Und außerdem – so der bereits o.g. Herr Langguth – machen die Parteien bzw. die Medienagenturen für die Parteien keine Werbung, sondern maximal ein kommunikatives Angebot. Das klingt nicht nur gut, das ist gut!

 

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine - dort Abitur 1993 (keine zwei "Ehrenrunden", sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) - zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Seit August 2013 führe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter.