Mosambik – Plenty of Paradoxes

Gleich zu Beginn meines mehrmonatigen Aufenthaltes in Mosambik erhielt ich den Hinweis, dass ich viel langsamer gehen müsse – andernfalls würde ich sofort als Ausländerin („mulungo“) erkannt werden. Und tatsächlich lief ich zu Anfang den übrigen Passanten in die Füße, denn die Uhren drehen sich in Mosambik und dessen Hauptstadt Maputo weitaus langsamer als andernorts: Sei es beim Einkaufen von Lebensmitteln und übriger Gebrauchsgegenstände am Straßenrand, bei der mühseligen Suche eines Paketes auf der Post oder bei der Notfall-Apotheke; man lässt sich Zeit. Im Gegensatz hierzu bieten die Straßen der Hauptstadt am Tage ein geschäftiges Chaos aus zahlreichen Privatautos, vollen Minibussen und neuerdings auch Tuk-Tuks dar. Dieses Treiben lässt den Beobachter denn auch erahnen, dass sich momentan einiges in dem südostafrikanischen Staat bewegt und diese Bewegung erst allmählich volle Fahrt aufnimmt.Denn mit der Entdeckung enormer Erdgas – und Kohlevorkommen, die zu den größten der Welt zählen, steigt Mosambik in naher Zukunft zu einem wichtigen Akteur auf dem Rohstoffmarkt auf. Zwar befindet sich die Förderung durch multinationale Unternehmen wie dem US-amerikanischen Anadarko oder dem italienischen ENI noch in den Anfängen, die notwendige Infrastruktur muss weiter ausgebaut werden und selbst die Explorationen sind teilweise nicht abgeschlossen. Doch schon jetzt werden mit Blick auf die Erfahrungen von rohstoffreichen Ländern in Afrika Stimmen laut, die vor einem drohenden Ressourcenfluch (“paradox of plenty”) warnen. Entgegen der Erwartungen an die positiven Effekte eines Rohstoffreichtums stagniert die Wirtschaft in Entwicklungsländern, die politische Stabilität nimmt ab oder mündet gar in bewaffnete Auseinandersetzungen und die Bevölkerung profitiert letztlich nur in geringem oder gar keinem Maße von den Einnahmen. Eine solch paradoxe Situation – Bevölkerungsarmut bei gleichzeitigem Reichtum eines Staates – kann Mosambik ebenfalls drohen, während schon jetzt aus der Geschichte heraus unterschiedlichste Spannungsverhältnisse bestehen.

1975 erlangte das Land nach etwa 500 Jahren Kolonialherrschaft durch die Portugiesen seine Unabhängigkeit. Die Volksrepublik Mosambik wurde ausgerufen, die einstige Freiheitsbewegung Frente de Libertação de Moçambique (FRELIMO) zur Staatspartei umstrukturiert und ein marxistischer Kurs eingeschlagen. Kurze Zeit später kämpfte die durch das ehemalige Rhodesien und später durch das Apartheidsregime in Südafrika gestützte antikommunistische Widerstandsbewegung RENAMO (Resistência Nacional Moçambicana) gegen dieses Regime an. Erst 1992 wurde der Bürgerkrieg durch ein Friedensabkommen zwischen den beiden Parteien beendet, der verheerende Folgen hatte: Mehr als eine Million Menschen starben, ein Drittel der Bevölkerung flüchtete und die Infrastruktur, Wirtschaft, etc. waren ganz oder teilweise zerstört. Mit der 1994 eingeführten pluralistischen Verfassung und der marktwirtschaftlichen Reformen in den Folgejahren begann dann der bis heute anhaltende Demokratisierungsprozess.

Im Hinblick auf die Nachkriegssituation war das Land jedoch massiv vom ‚Tropf der Entwicklungshilfe’ abhängig; noch heute speist sich ein großer Anteil des Staatshaushalts hieraus. In Anbetracht der politischen Stabilität und wirtschaftlichen Wachstumsraten der letzten Jahre – 7 bis 8 Prozent bei einem allerdings niedrigen Ausgangsniveau – ist Mosambik zu einem ‚Donor-Darling’ avanciert, dessen Fassade allmählich bröckelt. Obgleich es Fortschritte gibt (z.B. stieg die durchschnittliche Lebenserwartung von knapp 40 auf 50 Jahre), stagniert der Demokratisierungsprozess und ein Großteil der Bevölkerung lebt noch immer unter der Armutsgrenze. Laut dem jüngsten Human Development Report der UNDP liegt Mosambik auf Platz 185 (von 187) und gehört somit zu den ärmsten Ländern der Welt.

Am Stadtbild Maputos lässt sich die kontrastreiche Geschichte und paradoxe Entwicklung der Gegenwart ablesen. So spiegeln prunkvolle aber verfallene Kolonialbauten im Stadtkern oder Hafen die portugiesische Herrschaft wieder, während Straßennamen wie Avenida Mao Tse Tung oder Avenida Vladimir Lenin an die kommunistische Ära das Landes erinnern. Ebenso wie die unzähligen Plattenbauten, an denen jedes Fenster vergittert ist und an deren Wänden nun überdimensional große Werbeplakate für Kosmetikprodukte oder Mobiltelefone herunterhängen. In dieses Stadtbild wachsen mehr und mehr imposante Bürogebäude, schicke Restaurants oder Boutiquen hinein, während die Straßen und Gehwege marode sind und bei starken Regenfällen zum Teil stunden- oder tageweise unnutzbar sind. Neben den üblichen Minibusen sieht man Luxuswägen, die an den unzähligen Straßenverkäufern und gefüllten Cafés vorbei fahren. Zunehmend tummeln sich in diesen Europäer und insbesondere Portugiesen, die vom Boom angelockt werden. Man sieht Männer in Anzügen, Frauen in Kostümen und auf High Heels, die Probleme auf den kaputten und sandigen Straßen haben.

Dazwischen sieht man aber auch jene Frauen, die mit teilweise drei Kleinkindern ein wenig Gemüse und Obst an der Straße anbieten; Straßenkinder, die Nachts noch Zigaretten und Kaugummis verkaufen; Familien, die im öffentlichen Schwimmbad wohnen; oder Menschen, die vom Müll auf der Straße leben. Laut dem Mozambique Urban Sector Profile des UN-Habitat leben in der einst für 400.000 Menschen angedachten Hauptstadt über eine Million Menschen; etwa drei Viertel von ihnen in informellen Siedlungen und Slums. Hiernach haben die blanken Wirtschaftswachstumszahlen wenig mit der Realität der Menschen vor Ort zu tun, vielmehr verweist dies auf die wachsende Schere zwischen Reich und Arm.

Gerade wenn man Maputo verlässt und den Rest des Landes bereist wird dies offenkundig – zumal der Großteil im wenig entwickelten ländlichen Raum unter der Armutsgrenze lebt. Auf meist sandigen Straßen muss man Zeit für die Fahrt mitbringen. Man fährt an wunderschönen Landschaften, bilderbuchreifen Stränden und kleinen Feldern, die mit einfachster Gerätschaft bestellt werden, vorbei. Dazwischen reihen sich Rundhütten oder Ein-Zimmerbauten zu kleineren und größeren Dörfer, in denen Bewohner ihre Ware an der Hauptstraße zum Verkauf stellen und hin und wieder ein vertrautes Straßenbild aus Maputo aufblitzt. Es ist heiß und schwül. Aber man kann atmen. Im Gegensatz zu Maputo, wo die Hitze am Tag nicht aus den Betonblöcken entweichen mag und man bereits auf dem Weg zur Arbeit mit über 30 Grad rechnen muss. So gesehen handelt es sich bei Maputo und dem Rest des Landes um zwei unterschiedliche Welten, die allerdings durch Armut geeint werden.

Über diese Realität Mosambiks kann auch der Glanz eines tropischen Paradieses und die Fassade einer boomenden Hauptstadt nicht hinwegtäuschen. Deutlich wird dies, wenn man in das benachbarte Südafrika fährt. Das Land, das mir aus vergangenen Jahren sehr gut vertraut gewesen ist, rief bei einer Reise einen regelrechten ‚Kulturschock’ in mir hervor. Mosambik ist also ein Entwicklungsland, dessen einsetzender Ressourcenboom das alltägliche Leben der knapp 23 Millionen Einwohner dramatisch verändern wird. Schon jetzt ist dies an steigenden Wohn – und Lebensmittelpreisen in Maputo aber auch Tete, dem im Norden gelegenen Kohle-Eldorado, spürbar. So hatte ich als europäische Studentin bei einer noch günstigen Zimmermiete von 250 Euro/Monat und deutlich höheren Lebensmittelpreisen als im benachbarten Südafrika oder zuweilen auch Deutschland Schwierigkeiten.

Daher ist eine an nachhaltiger wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung ausgerichtete Politik entscheidend für die Zukunft des Landes. Die politische Elite um FRELIMO herum muss hierzu verantwortungsvoll mit den Einnahmen aus der extraktiven Industrie umgehen. Denn Mosambik könnte mit diesen in etwa zehn Jahren den aktuellen nationalen Haushalt alleine stemmen und somit auch die Abhängigkeit von Internationalen Gebern beenden (ca. 40 Prozent des Staatshaushalts). Dieses positive Zukunftsszenario bedarf allerdings einer transparenten Basis an rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen und Institutionen, die bisher unzureichend oder überhaupt nicht vorhanden sind. Mit Blick auf die zunehmende Entfremdung der FRELIMO von seiner Wählerschaft sowie die sich vergrößernde Schere von Reich und Arm müssen aber nicht nur Steuerungs- und Verteilungsmechanismen geschaffen werden, die die Gesamtbevölkerung bedenken. Es gilt ebenso vorhandene Konfliktregelungsmechanismen weiter auszubauen, um eventuellem Unmut, der auf der großen Erwartungshaltung in der Bevölkerung basiert, gewaltfrei begegnen zu können – nicht wie im Falle der Aufstände im September 2010. Darüber hinaus bietet die Beziehung zwischen RENAMO und FRELIMO zusätzliches Konfliktpotential – der 20-jährige Frieden wurde jüngst durch einen Angriff auf eine Polizeistation mit fünf Toten und 13 Verletzten gestört.

Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung Mosambik sich entwickeln wird und ob bzw. inwieweit sich die Befürchtungen mit Blick auf das „paradox of plenty“ bestätigen werden. Mosambiks extraktiver Sektor steckt in den Anfängen, die Regierung kann noch positiv auf den Entwicklungsprozess einwirken – ergeben sich aus dem Rohstoffreichtum ja auch vielfältige Chancen. Allerdings sind die Kontextbedingungen schwierig und bereits jetzt von unzähligen paradoxen Gegebenheiten bestimmt.

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