Milch ist weiß, nie schwarz, aber sorgt für rote Zahlen

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Foto: Aus gleichnamiger Reportage vom 20.7.2016

Spannende Reportage gestern Abend im Bayerischen Rundfunk (BR): Die Dunkle Seite der Milch. Für viele ist das nur ein Randthema „die Bauern schon wieder, haben immer was zu meckern“. Außerdem kommt doch die Milch aus dem Regal, ist immer da, basta. Diese ziemlich gute Doku des BR macht eines deutlich: Es gibt kein Schwarz und kein Weiß in dieser Diskussion. Am Ende betrifft das Thema alle. In welcher Welt wollen wir leben? Was hat die Globalisierung mit der Milch zu tun? Welche Kulturlandschaft soll uns umgeben? Es ist höchste Zeit, sich mit diesem Thema zu befassen, weil die Selbstheilungskräfte hier schon seit geraumer Zeit entwichen sind.

Wer hätte das gedacht?! Das milchbasierte Exportvolumen in Deutschland beläuft sich auf über 8 Mrd. € – stolze Zahl. Zu Beginn der 1980iger Jahre redeten alle in Europa von Milchseen und Butterbergen. Die Folge davon war die Milchquote. 1984 eingeführt, wurde sie Anfang 2015 nach über 30 Jahren wieder abgeschafft. Europa will nicht nur mit Industrieprodukten auf dem Weltmarkt mitspielen, sondern auch mit der Milch und drückt relativ teuer produzierte (deutsche) Milch in die Märkte. Da der eigene Markt gesättigt ist, geht es nur darüber hinaus und das wiederum geht nur über den Preis, weil in anderen Weltregionen Milch aufgrund von klimatischen Bedingungen z.B. viel günstiger produziert wird.

Das Kalkül der europäischen/deutschen Politik in Sachen Aufhebung der Quote ist nicht ganz aufgegangen. Ohne Quote mehr Markt und mit mehr Markt, mehr Weltmarkt. Auch wenn global gedacht wird, Handeln bleibt lokal. Jetzt schlägt das Imperium zurück in ganz simpler Form: Die billige Milch macht den hiesigen Milchbauern den Garaus. Argument der Politik: Nur große und überlebensfähige Einheiten sollen überleben, das sei für alle besser. Man gewährt investitionsbereiten Bauern großzügig Kredite, damit sie moderne Ställe bauen, die wiederum dem Tierwohl dienen – heere Angelegenheit! Damit lässt sich auch in der ahnungslosen Öffentlichkeit punkten.

Dann beginnt der Teufelskreis: Die Struktur ändert sich nicht so schnell, wie man sich das in der Markttheorie gedacht hat, die kleinen und mittleren bleiben zunächst und versuchen mitzuhalten. Insgesamt ist damit zuviel Milch im System. Logischerweise fällt der Preis. Um das zu kompensieren, produzieren die Junginvestoren noch mehr Milch mit der Folge, dass der Preis weiter sinkt – verrückt!

Es werden in dem o.g. Beitrag auch Lösungsansätze vorgestellt – nicht die schlechtesten. Biologisch erzeugte Milch hält interessanter Weise den Preis. Direktvermarktung ist eine weitere Option. Zugegeben, im großen Stil taugt beides nicht für rasche Lösungen. Die nun angekündigten Hilfen von 100 Mio. plus X klingen nach viel, lösen aber auch kein Problem. Wenn ein mittlerer Betrieb 10.000€ pro Monat Verlust macht und bekommt einmalig 1.400€ (100 Mio. geteilt durch ca. 70.000 Milchbauern) muss man kein Mathegenie sein, um herauszufinden, dass das nicht gut gehen kann.

Der vielbeschworene Strukturwandel droht seine Kinder zu fressen. Mehr noch, kleine und mittlere Strukturen, die maßgeblich für den Erhalt der Kulturlandschaft stehen, werden zurück gedrängt und über den Tellerand hinaus geblickt, zerstört billige europäische Milch Märkte in Entwicklungsländern, wo mühsam in der Entwicklungszusammenarbeit einigermaßen funktionierende Subsistenzwirtschaften aufgebaut wurden. Mehr Absurdistan geht eigentlich nicht.

Eines wird am Ende der Doku deutlich: Europa hat es eingebrockt, Europa muss es auslöffeln. Das setzt aber auch die Einsicht voraus, dass man sich mit der „Weltmarktstrategie“ für Milch geirrt hat. Die europäische Milch als Produkt taugt einfach nicht für den Weltmarkt. Sie kann mobil produziert werden, anders als ein Weinberg in perfekter Lage und auf perfektem Grund. Bei so einem Produkt kann der Markt gar nicht überlaufen, weil es einzigartig ist. Milch ist leider billige Masse, überall produzierbar, überall verfügbar. Um die Krise dauerhaft in den Griff zubekommen, muss man sich auf europäischer Ebene also wieder auf eine Mengenbegrenzung verständigen. Anders wird es nicht funktionieren. Alle anderen Maßnahmen fuschen an den Symptomen herum, beheben aber nicht die Ursachen. Die Verbraucher spielen natürlich auch eine Rolle. Wir alle müssen uns fragen, wollen wir nur die Masse oder ist uns Klasse was Wert? Der Wert an sich – das gilt für viele Lebensbereiche – ist keine Währungseinheit.

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine – dort Abitur 1993 (keine zwei „Ehrenrunden“, sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) – zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Seit August 2013 führe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter.