Medialer Durchzug – nicht nur im Kanzleramt

Durchzug_KanzleramtWir leben – Gott sei`s gedankt – in einer Zeit, wo Informationsbeschaffung und -weitergabe weder ein Problem ist noch über Gebühr sanktioniert wird; von geheimdienstlichen Dingen natürlich abgesehen! Das hat zur Folge, dass wir eher die Fähigkeit ausbilden müssen, gute von schlechten Informationen zu unterscheiden (Fachleute sprechen hier auch von Medienkompetenz) als überhaupt an sie heranzukommen. Welches jüngere Beispiel belegt dieses besser als der vermeintliche Wechsel des Ex-Kanzleramtsministers Ronald Pofalla in den Vorstand der Deutschen Bahn. Die Geschichte hat über die Zeit tatsächlich eine weitere Dimensionen erfahren: 1) Thema Wechsel Politik-Wirtschaft und vice versa und 2) Sorgfalt in medialer Berichterstattung. Nähern wir uns zunächst kurz über den ersten Aspekt diesem Vorgang.Ein am 22. September 2013 direkt in den Deutschen Bundestag gewählter Abgeordneter, der bis zum 17. Dezember geschäftsführender Minister war, soll – so die Meldungen gleich zu Beginn des neuen Jahres – in den Vorstand der Deutschen Bahn wechseln. Die Empörung ist natürlich sofort groß. Von „Postenschacherei“ und vielem mehr ist die Rede. Die Diskussion wirft ein Licht auf unseren Umgang mit dem Thema Interessenvertretung im Allgemeinen und der Durchlässigkeit von Wirtschaft und Politik im Besonderen. Beim ersten Aspekt bekommt man rasch den Eindruck, dass die „populäre Verdammung von Interessenverbänden“ (Jasper von Altenbockum) tatsächlich von der unausgesprochenen Unterscheidung zwischen „gut“ und „böse“ lebt. Hätte die Meldung gelautet „Pofalla wird Vorsitzender von Transparency International und ist fortan für die Regierungsbeziehungen der NGO zuständig“, hätten die derzeit lautesten Kritiker ihm wahrscheinlich viel Respekt gezollt und ihn gelobt, dass er sich für so eine gute Sache aufopfert. Dieser Gedanke bringt einen weiteren Zungenschlag in die Angelegenheit: Wie kommt es, dass Interessen nicht gleich Interessen sind? Warum kommt Foodwatch z.B. in der medialen Berichterstattung in der Regel besser weg als z.B. die Deutsche Bahn? Bei den vielen Bahnreisenden in Deutschland müssten doch die Sektkorken knallen, wenn sie hören, dass sich ein Politikprofi mit 1A Zugängen zur Regierungsspitze künftig um mehr Bahninfrastruktur, mehr Komfort und damit mehr Pünktlichkeit kümmern will. Aber nichts dergleichen! Der Autor und Gesellschaftskritiker Jan-Philipp Hein hat da seine eigene These: „Die Nichtregierungsorganisationen genießen bei uns Journalisten in vielen Fällen ein beinahe grenzenloses Vertrauen. Sie retten die Welt, die Tiere, die Umwelt, beschützen uns vor den finsteren Machenschaften der Kapitalisten und haben selbstverständlich nie eigene Interessen, die es zu hinterfragen gelten könnte.“ Das ist zumindest eine These, über die man nachdenken kann.

Zugegeben, die Causa Bahn-Pofalla hat tatsächlich auch Hinterfragenswertes: Warum kommt nicht prompt die Verzichtserklärung auf das Bundestagsmandat? Hier hatte schon Herr von Klaeden bei seinem Wechsel vom Kanzleramt zu Daimler nicht geglänzt, indem er zunächst seinen Präsidiumsposten in der CDU behalten hat. Bei Pofalla taucht dann aber tatsächlich noch die Frage auf, ob er seine Wähler am 22.9.2013 gar getäuscht habe. Die haben ihn ja schließlich nicht zum Bahnvorstand gewählt, sondern als Bundestagsabgeordneten. Hier kann man aber zugute halten, dass er im Wahlkampf sicherlich noch nicht absehen konnte, dass für ihn ein Fachressort in einer neuen Regierung nicht abfallen würde. Aber, zu sagen, 18 Stunden Arbeit am Tag seien zu viel, um sich dann postwendend einem hochdotierten Managerposten – zumal noch in einem Staatskonzern – zuzuwenden, entbehrt in der Tat nicht jeglichem Geschmäckle. Vertrauensbildende Maßnahmen in Sachen Politik jedenfalls sehen anders aus. Diese Feinheiten sollten uns aber nicht den Blick verstellen für eine grundsätzliche Diskussion über die Politik als Beruf. Wie attraktiv ist es, wenn ich immer nur beschimpft werde und dann auch noch ein Gehalt bekomme, worüber Wirtschaftslenker nur schmunzeln würden? Der „Beruf“ Politiker hat aber auch noch andere Aspekte: Zum einen die politisch komplett durchdeklinierte Karriere – Schülerorganisation, Jugendorganisation, Parteiorganisation. Beruf: „Politiker“. Wenn dann irgendwann das Mandat fehlt und der „zivile“ Beruf auch, was dann? Umgekehrt funktioniert Politik ohne (Wirtschafts-)Interessenvertretung nicht, die am Ende ja auch Politikern Chancen bietet, außerhalb der Politik eine Karriere aufzubauen. Um hier noch einmal Jasper von Altenbockum zu zitieren: „Ohne `Lobbys´ wäre der Bundestag nur eine Versammlung arroganter Mandatsträger.“

Teil zwei dieses Beitrags befasst sich mit der medialen Berichterstattung über diesen Vorgang, der nicht minder bemerkenswert erscheint. Auf die Spitze der inszenierten Selbstreferenzialiät unseres Medienzirkus hat es einmal wieder der „Postillon“ getrieben, als er die besagte Wechselmeldung von Ronald Pofalla wie alle anderen am 2.1. meldete, aber auf den 1.1. rückdatierte. Der Eindruck entstand, alle hätten dort abgeschrieben und in der Netzgemeinde werteten die selbsternannten Medienprofis das dann auch als wirklich gelungene „Ente“ – nur mit dem Unterschied, dass die Ente echt war und der Postillon dem Ganzen einen cleveren Spin verpasst hat. Damit hat er das weit verbreitete Phänomen des Abschreibens/Nachplapperns – Medien im Wettbewerb stehen unter enormem „Echtzeitdruck“ – auffliegen lassen wie eine wilde Schar Stare im spätsommerlichen Rom. Der Digital Consultant Thomas Knüwer spricht in diesem Zusammenhang über journalistische Feigheit im Allgemeinen, wo man sich z.B. hinter Floskeln wie „gut informierte Kreise“ verstecke. Er geht konkret auf die Quellen ein, die es so entscheidend für uns machen ggf. die Spreu vom Weizen zu trennen. Das Beherrschen des Umgangs mit Quellen entscheidet über unsere Medienkompetenz. Wenigstens das konnten wir aus dem „Affär`chen“ Bahn/Pofalla lernen – ist doch was!

 

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine – dort Abitur 1993 (keine zwei „Ehrenrunden“, sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) – zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Seit August 2013 führe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter.