Maas, Böhmermann und die Grenzen der Satire

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Sexistische Werbung soll künftig verboten werden, wenn es nach Bundesjustizminister Heiko Maas geht. Durch ein solches Verbot soll gewährleistet werden, dass weder Frauen noch Männer in Werbeanzeigen und Plakaten als bloße Sexobjekte reduziert werden. Soweit, so nachvollziehbar.

Interessant wird es allerdings, wenn man sich den Aufhänger für diese Pläne näher betrachtet. Demnach ist die Idee für ein derartiges Verbot von „Sexy-Werbung“ in Folge der Silvesternacht von Köln entstanden. Ausgerechnet jene Vorfälle, in denen die Privatsphäre von Hunderten Frauen verletzt wurde und die von allen Seiten dazu genutzt wurden, klarzustellen, dass jeder Mann – übrigens unabhängig von Religion, Kultur oder Grad sexueller Erregung – gefälligst seine Finger bei sich zu lassen habe, sollen nun dazu dienen, die gestalterische (wir wollen mal nicht übertreiben und gleich jedes kreative Produkt zur Kunst ernennen) Freiheit, aber in nächster Instanz auch die eigene Selbstbestimmung einzuschränken?

Die SPD-Spitze möchte ein modernes Geschlechterbild formen. Dies ist wünschenswert. Jedoch sind sowohl die Idee eines solchen Werbeverbotes als auch die Herleitung an den Haaren herbeigezogen und dürften letztlich mal wieder eine tolle Werbung für das rechte politische Spektrum darstellen. Schon jetzt ist der Spott groß und die Reaktionen reichen von bloßer Kritik am „Nannystaat“ bis hin zur „Burkaisierung“ des Abendlandes, in dem Frauen bald nicht mehr die Wahl haben, ob sie sich eine lange Hose oder Hotpants anziehen wollen.

Einen anderen, von anderen Ressorts sicherlich erwünschten Nebeneffekt hätte das Werbeverbot mit sexuellen Anspielungen dann doch: besonders Hersteller von Tabak- und Alkoholgütern haben in der Vergangenheit ihre Werbekampagnen gerne eher anzüglich gestaltet. Und so hätte man letztlich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und würde das Ganze sogar unter dem Deckmantel der Moral verkaufen können.

Letztlich wird diese Angelegenheit in den kommenden Tagen und Wochen noch im Mittelpunkt der Diskussion stehen und man wird sich nicht selten die Frage stellen, ob die Maas-Pläne genial oder Satire sind.

Apropos Satire.

Es gehört sich also nicht, den türkischen Präsidenten als, nun ja… tierlieb zu bezeichnen. Auch nicht in satirischer Form. Nun ist es natürlich Geschmackssache, ob jemand einen Witz lustig findet oder nicht. Oder, ob sich politisch und pubertär wirklich ausschließen müssen. Wenn wir ehrlich sind, war Böhmermanns Gedicht natürlich alles andere als geschmackvoll. Das muss Satire auch gar nicht, im Gegenteil: sie soll – mehr oder minder subtil – auf Missstände hinweisen und weh tun. Die wenigen, die in den Genuss kamen, das Original-Video des Erdogan-Gedichts anzusehen, werden sich daran erinnern, dass Böhmermann die Unterschiede zwischen Satire und Schmähkritik deutlich machen wollte. Letztlich hat er natürlich nicht darauf verzichtet, zahlreiche, besonders negative Klischees über die arabische Welt in einen Topf zu werfen und zum satirischen Gedicht über den Mann umzufunktionieren, der einige seiner Landsleute bereits für weitaus harmlosere Artikel bestraft hat. Dass dieser Teil seiner Show solch eine Eigendynamik angenommen hat, hätte sich selbst ein Meister der Erzeugung von Aufmerksamkeit, wie Jan Böhmermann es zweifelsohne ist, wohl selbst niemals träumen lassen.

Nur wenige Tage vorher bekannte sich Bundeskanzlerin Merkel noch zur Presse- und Meinungsfreiheit, als Extra 3 das türkische Staatsoberhaupt noch mit „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ verspottete, und riet ihm zu mehr Gelassenheit. Interessant, dass sie im Fall Böhmermann nun von Anfang an auf Deeskalationskurs gegangen ist, obwohl bis dato noch kein Statement dazu vom türkischen Regierungssitz ausgegangen war.

Dies hat sich nun geändert. Gemäß §103 StGB hat Präsident Erdogan Strafantrag gegen Böhmenmann gestellt. Auch, wenn juristisch demnächst schwere Zeiten auf Jan Böhmermann zukommen könnten, so hat er sich erneut als kontroversester und vermutlich brilliantester Komiker des Landes positioniert. Im deutschen Hip Hop galt mal eine Zeit lang: es ist erst gut, wenn es auf dem Index steht – die Affäre sollte Böhmermann also eher nützen als schaden.

Christian P. Krohne ist Public Affairs-Berater und berichtet hier über aktuelle Entwicklungen rund um die Welt der PR, Lobbying und politischen Kommunikation. Sie wollen mit ihm ins Gespräch kommen? Folgen Sie ihm auf Twitter oder vernetzen Sie sich mit ihm auf LinkedIn.