Kommunikationsstörung zwischen Politik und Wirtschaft: ein Versagen der Unternehmenslobbyisten?

KommunikationsproblemPolitikUnternehmenUnter der Überschrift „Leben in zwei Welten“ beklagt das Handelsblatt in der Wochenendausgabe 25. bis 27. April 2014 die mangelnde Kommunikation zwischen Politik und Wirtschaft. Basierend auf einer Studie von Quadriga und Copes konstatiert der Autor Klaus Stratmann eine mangelnde Bekanntheit der Top Manager führender deutscher Unternehmen bei politischen Entscheidern. Zentraler Kritikpunkt der Politiker an den Managern ist, „dass sie mit den Entscheidungwegen und Machtverhältnissen in Parteien und Fraktionen nicht vertraut sind“. Auch umgekehrt gilt “die Chefetagen großer deutscher Unternehmen sind für viele Entscheider in der Politik Terra incognita“, wird einer der Autoren, Hans Ulrich Pelzer von Copes zitiert. Nach seiner Ansicht stellen Politik und Wirtschaft „zwei weitgehend getrennte soziokulturelle Welten“ dar.

Vor diesem Hintergrund frage ich mich, was eigentlich die Unternehmenslobbyisten in Berlin tun. Ist es nicht ihre vornehmste Aufgabe, Unternehmen in Berlin gegenüber der Politik zu präsentieren (weniger repräsentieren), Unternehmensführer in den politischen Diskurs zu integrieren, Probleme und unternehmerische Entscheidungsprozesse offen zu legen und um Verständnis für unternehmerisches Handeln zu werben? Und haben Unternehmenslobbyisten nicht gleichzeitig die Pflicht und die Aufgabe, dem Topmanagement die Themen und Diskussionen in Bundesregierung und Deutschem Bundestag mit Bezug zu den Unternehmensinteressen zu vermitteln und dabei auch Entscheidungsprozesse und Systembedingungen von Politik zu verdeutlichen?

Ganz offensichtlich teilen die führenden Unternehmensrepräsentanten diese Einschätzung nicht, oder zumindest handeln sie nicht entsprechend.

Ich sehe hierfür zwei wesentliche Ursachen: die eine liegt im Anforderungsprofil und in den Stellenbeschreibungen der Hauptstadtrepräsentanten, die andere in der unternehmensinternen Positionierung.

Die vom Handelsblatt aufgezeigten Defizite werden sich nicht ändern, solange Unternehmen für ihre Repräsentanzen primär verdiente Manager aus dem eigenen Haus rekrutieren, statt sich Politikexperten zu suchen, die entweder als erfahrene Lobbyisten oder als ehemalige Politiker den politischen Betrieb, die Mechanismen und die formellen und informellen Regeln kennen. Es ist nach meiner Erfahrung für Kenner des politischen Betriebs sehr viel einfacher, sich in die Belange und Interessen eines Unternehmens einzuarbeiten als umgekehrt für einen Manager, die Systembedingungen von Politik zu erlernen und sich ein entsprechendes Netzwerk an Kontakten aufzubauen.

Was die unternehmensinternen Positionierung betrifft, plädiere ich nachdrücklich für eine direkte Anbindung des Cheflobbyisten an den Vorstandsvorsitzenden. Dies ist für das Standing gegenüber der Politik ebenso wichtig wie für die Sichtbarmachung der Bedeutung der politischen Kommunikation im Unternehmen. Und nebenbei: der Top- Repräsentant gegenüber der Politik in Berlin sollte immer auch die Vertretung der Unternehmensinteressen in Brüssel mit verantworten.

Es wäre schön, der Handelsblatt Artikel könnte in der Berliner Lobbycommunity einen Diskussionsprozess auslösen über eine selbstbewusste Definition des eigenen Berufsbildes.

Hier schreiben Menschen für unseren Blog, die nur sehr unregelmäßig dazu kommen, aber dennoch Spass am Bloggen haben.