Integration ausgeschlossen

verdienter Künstler | CC by 2.0
verdienter Künstler | CC by 2.0

Von Einwanderern wird – zu recht – verlangt, dass sie sich an die hierzulande geltenden Regeln und Gesetze zu halten haben. Gleichzeitig wird aus der Politik viel zu oft eine Rhetorik der Ab- und Ausgrenzung verwendet.

Gehört er denn nun zu Deutschland oder nicht? Nach den Anschlägen von Paris im Januar laufen auch in Deutschland wieder hitzige Debatten, wie man denn nun mit Ausländern und vor allem mit „dem Islam“ umzugehen habe. Bedenken darüber, dass die Scharia (mit der sich vermutlich nur ein Bruchteil derer, die über sie allumfassend zu urteilen wissen, tatsächlich befasst haben) bald das Grundgesetz ablösen würde und dass Deutschland eine „Islamisierung“ bevorstünde, wurden immer lauter und gipfelten in der „Pegida“-Bewegung, die sich trotz ihres eindeutigen Namens nicht als islamkritisch oder feindlich verstanden haben wollte.

Dass die Bundeskanzlerin in versöhnlicher Manier betonte und gegenüber allen Extremisten klarstellte, dass der Islam zu Deutschland gehöre, schien die aufgeheizte Stimmung im Land nur noch mehr anzuheizen und die Rattenfänger, die nicht nur zwischen den Zeilen eine islamfeindliche Stimmung befeuerten, lauter werden zu lassen. Schnell wurden Stimmen laut, die unbedingt klarstellen müssen, dass allerhöchstens Moslems, aber nicht der Islam zu Deutschland gehöre, da wir ein sekulärer Staat seien – im gleichen Atemzug wird jedoch darauf hingewiesen, wie christlich-jüdisch basiert Deutschland ist. Entweder man fällt seine Begründung auf der Basis aktueller Entwicklungen und bezieht diese ein oder man äußert seine Meinung lieber gar nicht. Sich der Wahrheit aber nur zum einen Teil zu stellen, einen anderen, nicht ins eigene Weltbild passenden Teil, bewusst auszublenden, ist jedoch nicht nur blind, sondern naiv. Gewissermaßen stellt er auch eine Ursache und Entschuldigung für jene dar, die in Deutschland keinen Fuß fassen, sondern sich damit abfinden, am Rande der Gesellschaft zu leben und am Rande des Legalen zu agieren. Auch der eine oder andere Ministerpräsident hat mit seiner positiven Umwandlung des Satzes hin mit „Das Christentum gehört zu Deutschland!“ einen eher sinnbefreiten Beitrag zu dieser Debatte geleistet, die von der Zielgruppe wieder mit der rosaroten Patriotismus dankend aufgenommen wird, zu einer versöhnlicheren Stimmung der neben- und miteinander lebenden Bevölkerungs- und Religionsgruppen jedoch leistet er bedauerlicherweise keinen Beitrag. Wieder nur die alte „Zero Tolerance“-Rhetorik mit der Androhung harter Strafen, ohne auch nur einen Sinn für Seriösität in der Antizipation von Straftaten zu demonstrieren. Wenn bereits seitens der Politik der Eindruck vermittelt wird, jemand sei hier nur geduldet und es wäre eigentlich schon lieber, wenn jemand wieder in sein Heimatland verschwindet, und sei dieser Eindruck nur noch so subtil, dürfte nicht nur der Integrations-, sondern auch der Identifikationswille mit Deutschland oder deutschen Werten eher schwer fallen. Genau eine solche Identifikation verlangen jedoch viele derer, die morgens in Deutschland schweißgebadet aufwachen, weil sie Angst haben, dass ab sofort nur noch Peitschenhiebe als legitimes Strafmittel gelten.

Wir reden derzeit viel zu viel davon, welche Religion zu einem Land gehört und welche nicht – die Diskussion sollte in den Stammtischen bleiben. Die Frage sollte indes lieber lauten, wie wir alle als Bürger in Deutschland – und dabei ist tatsächlich vollkommen uninteressant, ob Christ, Antichrist, Jude, Muslim, Buddhist oder Angehöriger der Kirche des fliegenden Spaghettimonsters – es schaffen, vertrauen- und würdevoll miteinander zu leben, sodass jeder seine kulturellen Eigenheiten ausleben kann – natürlich immer unter der Maxime, dass man damit nicht die freie Entfaltung des Nächsten beeinträchtigt.

Die eher rechtskonservativen Kreise argumentieren häufig, damit, dass man sich als Einwanderer an „die deutschen“ kulturellen Gepflogenheiten anpassen muss, sonst müsse man das Land am besten verlassen. Es ist ungerecht, den zahlreichen hervorragend integrierten und Integrationswilligen von vornherein zu unterstellen, sie würden sich nicht auf die deutsche Kultur einlassen wollen. Das Gegenteil ist zumindest in meinen Erfahrungen der Fall. Sehr häufig kennen sich Einwanderer besser in der Geschichte und Kultur Deutschlands aus als jene, die sich als deutsche Prototypen hinstellen.

Wer von Einwanderern fordert, dass sie sich in Deutschland bestmöglich integrieren, hat mit dieser Forderung vollkommen recht. Wer jedoch verlangt, dass jemand seine Identität mit seiner Ankunft an der Garderobe lässt und glaubt, dass damit alle Probleme gelöst werden könnten, der blickt nicht weit genug und sollte sich vielleicht selbst einmal die eine oder andere Reise ins Ausland gönnen, um ein bisschen Weltfremde abzustreifen.

Oder wie bereits Alexander Humboldt feststellte:

„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“

 

Christian P. Krohne ist Public Affairs-Berater und berichtet hier über aktuelle Entwicklungen rund um die Welt der PR, Lobbying und politischen Kommunikation. Sie wollen mit ihm ins Gespräch kommen? Folgen Sie ihm auf Twitter oder vernetzen Sie sich mit ihm auf LinkedIn.