Industrie 4.0 – ein umstrittenes Update für Deutschland

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Der Begriff Industrie 4.0 ist momentan in aller Munde, auf der CeBIT 2015 wird Sigmar Gabriel wahrscheinlich die „Umsetzungsplattform Industrie 4.0“ vorstellen. Dieser Titel täuscht aber darüber hinweg, dass Bedenken von Bürgern und Unternehmen noch viel Klärungsbedarf für die Gesellschaft bereithält.

Die Vision der Smart Factory, wo die verschiedenen Herstellungssysteme untereinander kommunizieren und so durch die Messung der anfallenden Daten beinahe “Rücksicht” auf Auslastung und eventuelle Probleme in anderen Herstellungsschritten nehmen können, ist nur einer der Punkte, durch die Effektivität gesteigert werden kann. Die deutsche Wirtschaft steht vor einem großen Zwiespalt, da Sorgen um die Sicherheit ihrer Daten und eine zunehmende Abhängigkeit von der digitalen Infrastruktur gerade für kleine und mittelständische Unternehmen die potenziellen Vorteile vernetzter Produktion noch unattraktiv erscheinen lässt.

Aus Kundensicht lässt sich bei Unternehmen wie mymuesli bereits beobachten, welche Möglichkeiten die Digitalisierung schon jetzt bietet. Laut Firmenangaben ergeben sich durch die individuell auswählbaren Zutaten über 500 Billiarden Variationen, zudem ist es ein leichtes, auf Unverträglichkeiten Rücksicht zu nehmen. Dieses Konzept kann natürlich nicht bei jedem Produkt sinnvoll eingesetzt werden, es ist auch kein Allheilmittel, einfach alles miteinander zu vernetzen und sich in der Folge als gerüstet für die Zukunft zu betrachten. Eine aktuelle Studie der KfW sieht in der sinkenden Innovationskraft deutscher Mittelständler eine Gefahr, die meiner Meinung nach nicht durch eine Smart Factory gelöst werden kann. Andererseits könnten besonders die Hersteller von Produktionsmaschinen wichtige Erkenntnisse durch die Analyse ihrer Produkte bei den Kunden gewinnen, ebenso wie das vernetzte Auto im sprichwörtlichen Vorbeifahren eine Vielzahl an neuen Geschäftsmodellen mit sich bringen könnte. So arbeitet Volkswagen offenbar daran, Informationen aus Radsensoren und Scheibenwischern zu einem Wetterinformationssystem zu veredeln und so den traditionellen Anbietern Konkurrenz zu machen.

Um auch den Mittelstand für das Thema zu erwärmen laufen momentan staatliche Ausschreiben für mehrere Kompetenzzentren, um Unternehmen aller Branchen über Chancen und Risiken der Industrie 4.0 zu informieren. Schlussendlich benötigen aber auch die dortigen Experten Inhalte, die sie weitergeben können. Hierbei ist auch die Politik, in Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Wirtschaft, in der Pflicht, Themen wie die flächendeckende Versorgung mit Breitbandinternet, die dazugehörige Definition von Standards anzugehen. Ebenso gehört die kontrovers diskutierte Netzneutralität zu den Fragen, die im Zuge der Digitalisierung geklärt werden müssen.

Dies zeigt, wie ganzheitlich das Thema Industrie 4.0 betrachtet werden muss. Gerade die Nutzung von Daten aus unterschiedlichen Quellen erzeugt verständlicherweise viele Sorgen bei den Menschen. Ein wichtiger Punkt ist auch die Vorbereitung der Menschen auf die zunehmende Vernetzung, sowohl was die veränderten Anforderungen des Arbeitsmarkts als auch den gesellschaftlichen Wandel angeht. In diesen Bereich stellt sich auch die Frage, ob und wie die Lehrpläne in den Schulen zukünftig aussehen sollen. Meiner Meinung nach ist es trotzdem falsch, wenn dies auf die Frage “Programmier- statt klassischer zweiter Fremdsprache?” zugespitzt wird. Das von Sigmar Gabriel geforderte Fach Ökonomische Bildung ist vermutlich weitaus hilfreicher um die Welt zu verstehen, denn Basis jedes Unternehmens ist zunächst einmal eine Geschäftsidee. Oft genug steht ein Gegenstand oder eine Dienstleistung im Mittelpunkt, wo das Internet nur für Marketing oder Bestellvorgänge eingesetzt wird. Eine Programmiersprache kann außerdem wie auch eine Fremdsprache sehr schnell aus der Mode kommen, zum Beispiel durch neue Endgeräte oder Standards.

Es ist vermessen zu denken, als heutiger “digital native” im Alter immer noch jede technologische Neuerung so gut verstehen zu können wie im Moment. Ich weiß nicht, mit was für einer Art Fortschritt meine Kinder mich später abhängen, aber habe nur wenig Zweifel daran, dass sie es tun werden. Alle Beteiligten in Politik, Forschung und Wirtschaft sollten nun ihr Bestes geben, dass es auf Grundlage deutscher Innovationen passiert.

Hier schreiben Menschen für unseren Blog, die nur sehr unregelmäßig dazu kommen, aber dennoch Spass am Bloggen haben.