Helau: Berlin liegt nicht im Osten!

Foto (c) Dr. Justus Bobke
Foto (c) Dr. Justus Bobke

Wir schreiben das Jahr 2016. Es ist Karneval. Der Sturm peitscht. Die Narren frieren. Gute Gelegenheit, in überspitzter Form Macken, Absurditäten und Unsinn durch den Kakao zu ziehen. Berlin ist nämlich verschwunden. Geografisch gesehen. Ach, Sie wussten es nicht. Dann passen Sie mal auf.

Immer wieder stolpert man über Untersuchungen und Statistiken, in denen von Ostdeutschland die Rede ist. Mal geht es um den Wohlstand oder Armutsrisiko, mal um die Industrie und deren Entwicklung. Mal um die Wissenschaft oder sonst was. Gerne genommen werden Studien über die Bevölkerungsentwicklung. Mit staunenden Augen konnte man jüngst eine Studie lesen, garniert mit der steilen These, dass Ostdeutschland wieder Zuwanderungsgebiet sei. Aha, so erfährt der staunende Leser, Städte wie Leipzig, Dresden, Jena, Erfurt und Potsdam profitieren – das platte Land veröde. Ein Trend also, den es genauso im Westen auch gibt, wo wenige attraktive Städte profitieren, während Tausende dem Ruhrgebiet den Rücken kehren und im Hundsrück, in der Rhön oder anderen strukturschwachen Ländern immer mehr Lichter ausgehen.

Der Osten berappelt sich also. Eigenartig bloß, dass 25 Jahre nach der Deutschen Einheit ein Ort offenbar – statistisch gesehen – wie vom Erdboden verschwunden ist. Er scheint nicht mehr dort zu sein, wo er seit bald 800 Jahren liegt. Den Statistikern ist er der Rede nicht wert. Es wird vielmehr analysiert, als gäbe es ihn nicht. Als spiele er keine Rolle. Na, erraten? Richtig: Berlin. Die seit Jahren sich immer besser entwickelnde Hauptstadt – die gelungene Fusion aus den ehemaligen Hälften Ost und West und der Versöhnung mit dem Umland. Ist inzwischen Motor einer Region. Doch: Den Statistikern ist das schnurz. Berlin fällt bei vielen Untersuchungen über den „Osten“ klammheimlich unter den Tisch und somit aus Betrachtung. Warum eigentlich?

Berlin zieht seit Jahren viele Menschen an – Neubürger ebenso wie Touristen und Venture Capital. Die Stadt wirkt tief nach Brandenburg hinein und wächst jährlich um die Größe einer Kleinstadt von rund 30.000 Menschen. Nach Jahren der Spar-Rosskur investiert Berlin kräftig und tilgt Steuern: Zeitgleich und das, obwohl – prozentual gesehen – hier weit mehr Flüchtlinge aufgenommen werden als in anderen deutschen Städten.

Vielen Statistikern scheint die Realität im Jahr 2015 gar nicht klar zu sein. Wenn die Fakten der Wiedervereinigung in die Hirnen der Zahlenjongleure noch nicht eingedrungen sind, wird es Zeit, die Realität anzuerkennen: Hamburg gehört zum Norden, Köln und Düsseldorf sind tief im Westen, München und Stuttgart machen viel im Süden aus und – ja parbleu – Berlin ist neben Leipzig und Dresden der Magnet im Osten. Ach eines noch: Die steile Studie, dass es mit dem Osten bevölkerungsmäßig bergauf gehe stammt ausgerechnet vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in der Schillerstraße 59 in Charlottenburg. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Alaaf und Helau.

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine – dort Abitur 1993 (keine zwei „Ehrenrunden“, sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) – zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Seit August 2013 führe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter.