Hat Schiefergas eine europäische Zukunft?

In Polen wird fleißig Kohle abgebaut, in Frankreich setzt man auf neue Atomkraftwerke, in Deutschland streitet man noch über den Ausbau der Stromnetze… etc. pp. Schlimm genug, dass die Mitgliedstaaten keine gemeinsame Energiepolitik haben, die eine bestimmte Richtung vorgibt, jetzt wird auch noch um die Förderung des Schiefergases gestritten und zwar auf höchster europäischer Ebene: innerhalb der EU-Kommission. Wenn es nach dem Willen von Connie Hedegaard ginge, so würde sie Fracking am liebsten verbieten. Ginge es allerdings nach dem Willen von Energiekommissar Oettinger, so sähe er kein Problem bei der Förderung von Gas aus tiefen Gesteinsschichten.  Und Oettinger steht mit seiner Meinung nicht allein da: Die wissenschaftliche Chefberaterin des EU-Kommissionspräsidenten, Anne Glover,  hat nun „grünes Licht“ für die Förderung von Schiefergas gegeben. Wissenschaftlich betrachtet, sei die Extraktion von Schiefergas unbedenklich, berichtete die Presse. Aber wer hat denn nun Recht und was ist zu tun?

Fracking bleibt EU-Thema

Es war abzusehen,  dass das Thema Fracking nicht so schnell vom (europäischen) Tisch sein würde. Zahlreiche Studien hat die EU-Kommission zum Fracking bereits im September 2012 durchgeführt, um sich einen besseren Überblick über die Thematik zu verschaffen. Ende März war dann auch die öffentliche Konsultation mit zahlreichen Stakeholdern abgeschlossen, sodass es nun genug Input gibt für die Antwort auf die Frage: Schiefergas, ja oder nein?

Nicht mehr abhängig sein

Die Europäische Energieagentur schätzt, dass in ca. 5 Jahren die USA Europa mit Schiefergas versorgen könnte.  Schon jetzt häuft die USA Unmengen von Schiefergas an und versorgt seine Kunden mit der billigen Ressource. Dass die EU hier nicht erneut abhängig sein will, ist mehr als verständlich. Schließlich ist die EU seit Jahren Importweltmeister von Energieressourcen aus Russland, Norwegen oder Afrika. Und weil der europäische Energiehunger so schnell nicht zu reduzieren ist und Energieressourcen, gemessen am Gesamtenergieverbrauch, immer knapper werden, werden unterschiedliche Energiekonzepte, zu denen auch Schiefergas gehört,  abgewogen. Das ist auch vernünftig, schließlich will man am Ende nicht sagen müssen, man hätte es nicht versucht.

Die Revolution

Dass Gas in tiefen Gesteinsschichten vorkommt, ist keine neue Erkenntnis. Das erste Gas, das im 19. Jahrhundert in den USA gefördert wurde, war Schiefergas. Was Fracking betrifft, so ist auch diese Technologie an sich keine Neuerung. Fracking, wie wir es heute kennen, existiert als Methode bereits seit 1940. Den Durchbruch bei der Förderung von Schiefergas haben amerikanische Gasförderunternehmen jedoch erst Anfang 2000 geschafft. Und erst ab 2007 wurde die Förderung des unkonventionellen Gases wirklich als rentabel erachtet, was  schließlich zu der sogenannten Revolution im Gassektor führte.

Geostrategische Machtverschiebung

Mit der Schiefergas-Revolution haben die USA ein wenig mehrMacht bekommen. Nun sind sie die Exporteure und nicht mehr die abhängigen Importeure. Auf der globalen Energiekarte sind die USA Energieweltmeister, dicht gefolgt von Russland. Und auch geostrategisch hat sich die Lage verändert.  Man muss sich nicht mehr auf bestimmte Regionen im Ausland konzentrieren, die geostrategisch wichtig sind.  Denn Schiefergas gibt es fast überall, quasi vor der Haustür. Nur einer konkreten Regelung bei der Förderung bedarf es dann doch.

Umweltschädlich und bedenklich

Nichtsdestotrotz bleibt Schiefergas, besonders aufgrund seiner umstrittenen Förderungstechnologie, ein durchaus sensibles Thema.  Das wird auch bei dem Streit der beiden Ressorts in der EU-Kommission deutlich.
Und tatsächlich steckt die EU da ohne Zweifel in einem unüberwindbaren Dilemma: Einerseits will sie den Gesamt-CO2-Ausstoß reduzieren und weiterhin wettbewerbsfähig bleiben, andererseits scheut sie das Risiko, das mit der Förderung von Schiefergas einhergeht. Was  ist also der Königsweg? Gänzlicher Verzicht auf die unkonventionelle Methode oder Teilverzicht, der an Bedingungen geknüpft ist?

Die Antwort liefert die Wirtschaft

Als im Jahr  2002 das Pipeline-Projekt Nabucco von dem österreichischen Energieunternehmen OMV ins Leben gerufen und ein erster Schritt in Richtung Energiediversifizierung getan wurde, dachte noch niemand daran, dass sich dieses europäische Mammutprojekt  als die größte energiepolitische Herausforderung erweisen würde.  Heute, 11 Jahre nach seiner Begründung, ist die angedachte Gasbrücke zwischen  Europa und Asien zum Scheitern verurteilt. Aus Nabucco wurde Nabucco-West. Dabei ist es noch unklar, ob Nabucco-West überhaupt möglich wird. Und das Schlimme daran: Die EU ist völlig machtlos, da nicht die EU-Kommission, sondern die privaten Energieunternehmen nach wirtschaftlichen  Kriterien entscheiden und nicht nach strategischen.  Das zeigt sich am Beispiel von RWE, das das gestern (16.04.) seine Nabucco-Anteile an OMV verkauft hat. Das Projekt rentiert sich nicht, denn die Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg ist bislang ausgeblieben.

Einen Königsweg gibt es also nicht wirklich. Am Ende ist auch beim Thema Schiefergas die Frage nach der Wirtschaftlichkeit vermutlich die ausschlaggebende.

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