Griechenland: zu viele Dimensionen einer Krise

BlauesMännchen

Die Dramatik der letzten Tage und Wochen hätte von einer handfesten griechischen Tragödie alten Stils kaum übertroffen werden können. Und immer noch steht allen direkt Beteiligten die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Dem Wort Krise – der Hinweis, dass die krisis ebenfalls griechischen Ursprungs ist, sei hier nur als Apercu angebracht – soll ja zugleich auch die Chance auf eine Korrektur, einen Neuanfang inne wohnen. Es redet sich die ganze Welt den Kopf heiß, was aus der – global betrachet – Mini-Volkswirtschaft Griechenland (findet seine Entsprechung ökonomisch ungefähr in der Hessens) werden soll: Grexit, also raus aus dem Euro und dann möglicher Schuldenschnitt, Schuldenerlass seitens der aktuellen Gläubiger oder einfach weiter wie bisher – keine Reformen gegen Geld.

Der „Griechenlandkrise“ liegt schon seit längerem eine massive Wirtschaftskrise zugrunde, die in eine Währungskrise mündete – begleitet seit Jahren durch eine weltweite Finanzkrise, die wiederum ihre Ursache in Spekulationen, Fehlinvestitionen und überbordendem Buchgeld hat. Wie hatte Helmut Schmidt seinerzeit gesagt: „Lieber 5% Inflation als 5% Arbeitslosigkeit.“ So einfach liegen die Dinge eben nicht. Fairerweise muss man jedoch sagen, dass die Währung und damit der Euro insgesamt gar nicht in eine verfahrene Situation geraten ist. Bezogen auf Griechenland ist das nur in sofern richtig, als dass dem dortigen Euro einfach nicht die passende Wirtschaftsleistung mangels (finanz)staatlicher Strukturen gegenüber steht. Hier jetzt nach Gründen zu suchen, wäre müssig und ist schon tausend Mal analysiert worden.

Das wirklich Tragische in diesen Zeiten ist, dass die Politik und damit die politischen Entscheidungen von politisch Handelnden massiv ins Wanken geraten. Das Kapital einer Währung ist Vertrauen. Das Kapital von Politik, von Politikern ist ebenfalls Vertrauen. Insofern lässt sich hier eine gewisse Parallelität erkennen. In diesem Dickicht von Wahrheit und Lüge, von These und Gegenthese, von professoralen Erklärungen und theologischen Deutungen haben Medien den Auftrag, etwas Sicht herzustellen. Die Versuchung ist aber auch groß, sprachlich und satirisch noch mehr Verwirrung zu stiften. Das wirkt besonders im Netz, wenngleich die Hypes dort eine Halbwertzeit von Butter in der Sonne haben. Aber es hinterlässt Spuren.

Jüngstes Beispiel stammt mal wieder von jemandem, der mit seiner Satire die Dinge nicht nur auf die Spitze treibt, sondern mit seinen Aktionen normale Nachrichtenkonsumenten, die sich ohnehin schwer tun mit dem Politik- und Mediensprech unserer Zeit, vollends zu verwirren. Was soll man wem glauben? Wie ist es genau gemeint? Wer sagt uns die Wahrheit? Verfolgt nicht jeder eigene Interessen mit Hintersinn? Wenn man solche Fragen stellt, ist die Politikkrise nicht mehr weit oder sogar schon angekommen: Politische Entscheider und ihre Arbeit sinken immer weiter im Ansehen der Wähler. „Die da oben“ oder „unfähige Parlamentsheinis“ sind noch harmlosere Kommentare.

Für die Entscheider sind die „neuen Medien“ hingegen oft eine größere Versuchung als die Schokolade für das Kind. Wie können wir die „verlorenen Wähler“ wieder- oder neue, junge für uns gewinnen? Das ist die spannende Frage angedenk wachsender Wahlmüdigkeit. Die Kanzlerin gibt einem „Youtuber“ ein Interview. Der bereits angesprochene Satiriker versucht volksnah die Situation in Griechenland zu erläutern. Im Zuge dessen fragt er den SPD-Vorsitzenden, ob er nicht mithelfen wolle, junge Menschen politisch zu erreichen. Fröhlich antwortet er zeitgemäß via Facebook „na klar“, bring Deinen Kumpel auch noch mit zum Interview. Die Antwort ist so rotzig wie der gesamte Vorgang. Man wolle sich nicht „instrumentalisieren“ lassen und warte noch ein bisschen ab. Das ist die freundliche Wiedergabe. Um so einem dialogfeindlichen, nur auf die eigene mediale Überbetonung bedachten Zeitgenossen nicht noch eine weitere Bühne zu geben, wurde hier auf die Nennung von Namen bewusst verzichtet. Aufmerksame Zeitgenossen wissen, von wem und was die Rede ist. Was diese Aktion hinterlässt, ist ein sich – zu recht – beleidigt fühlender Politiker, eine verwirrte Öffentlichkeit und ein gewachsenes Unbehagen im politischen Umgang mit einer Krise vor dem geschlossenen Visier einer sozial-medialen Wirklichkeit.

 

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine - dort Abitur 1993 (keine zwei "Ehrenrunden", sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) - zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Seit August 2013 führe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter.