Griechenland-Referendum: Ein Fall für’s FBI?

Schaubild Dan KoremNachdem über 60 Prozent der Griechen sich gegen das Reformprogramm der EU ausgesprochen haben, stehen beide Seiten vor schwierigen Verhandlungen. Der überraschende Rücktritt von Janis Varoufakis, Griechenlands schillernden wie umstrittenen Finanzminister, erleichtert die Situation nicht unbedingt. Wer die Gastbeiträge von Politikern und Kommentare in der Presse sowie die verschiedenen TV-Runden mit deutsch-europäisch-griechischer Beteiligung verfolgt, erahnt die Schwierigkeiten der tatsächlichen Verhandlungen. Was tun in einer solchen Situation? Ein Handlungsansatz: Profiling à la FBI und Umbesetzung von Verhandlungsgruppen. Wie das gehen soll? Einfach

Wie zwei Boxer

Im Laufe der Verhandlungen wie auch der öffentlich ausgetragenen Wortwechsel wurde deutlich, dass Syriza mehr anstrebt als die „einfache“ Lösung des Schuldenproblems. Der frühere Bild-Chefredakteur Michael Spreng konstatierte bei Günther Jauch, die griechische Partei habe Europa als „sozialistische Gemeinschaft“ im Auge. Eine Woche zuvor erläuterte Klaus Regling, geschäftsführender Direktor der europäischen Rettungsschirme ESM und EFSF, Syriza habe mehr einen Systemwechsel im Sinn.

Augenscheinlich haben sich beiden Seiten ineinander verrannt. Liegen sich in den Armen wie zwei Boxer in der zehnten Runde – ermattet, jedoch mit dem eisernen Willen zu gewinnen. Im Boxen bringt der Ringrichter die beiden sich in den Armen liegenden Kampfsportler auseinander und so den Wettkampf wieder zum Laufen. Die Verhandlungspartner Troika-Griechenland haben jedoch nicht einen solchen „Moderator“. Sie müssen die Gespräche selbst wieder in Fluss bringen.

Ein Schritt dazu könnte Griechenlands neuer Finanzminster Euklidis Tsakalotos sein. Seine Nominierung kann als Zeichen gewertet werden, dass die griechische Regierung einen Ansprechpartner für die Gläubiger wolle, der mit Europa besser kann als Varoufakis. Zumal der (ehemalige) Wirtschaftsprofessor und wirtschaftspolitische Sprecher als besonnen geltender Politiker gehandelt wird. Sichtlich umgänglicher als sein Vorgänger soll sich Tsakalotos sogar gegen das Referendum und den Abbruch der Verhandlungen eingesetzt haben.

In der Tat ist die Um- und Neubesetzung von Verhandlungsgruppen nicht etwas völlig ungewöhnliches. Bei hochrangigen Verhandlungen ist es ein eine nützliche Vorbereitung, sich neben den Inhalten auch mit den Menschen zu beschäftigen. Schließlich werden Verträge immer noch von Personen geschlossen. Zwei Ansätze:

Wer spricht für Dich? Wer spricht für mich?

Wenn zwei Kontrahenten, deren Charakteristika eine erfolgreiche Verhandlungslösung erschweren, aufeinandertreffen, ist es ratsam die Personenkonstellation genau zu analysieren und eventuelle Änderungen im eigenen Verhalten oder der Zusammensetzung der Verhandlungsgruppen vorzunehmen. Eine Option dazu bietet das Profiling nach dem Ansatz von Dan Korem. Der Autor hat sich zu einem renommierten Fachmann der Profilanalyse aufgeschwungen, dessen Arbeit von FBI sowie international erfolgreich genutzt wird.

Korem ist einfach wie bestechend. Er kategorisiert Menschen in unterschiedlichste Typen ein, denen er verschiedene Kommunikations- und Handlungsmerkmale zuweist (Korem, Dan: The art of profiling. Reading people right the first time, 10. Aufl., Richardson 2006).

Korem skizziert in seinem Buch (S. 50f., 102ff.) verschiedene Konstellationen zwischen unterschiedlichen Gesprächs-/Handlungspartnern und beschreibt, wie man

  1. selbst am besten mit seinem Gegenüber umgeht bzw. spricht, um die Kommunikation erfolgreich abzuschließen.
  2. welcher Typ am besten zum Gesprächspartner passt, so dass die Verhandlung in dieser neuen Konstellation mit Erfolg abgeschlossen werden kann. Weniger Entschlossene bedürfen beispielsweise entschlossenere Gesprächspartner, die eine begrenzte Auswahl an Optionen anbieten.

Jedoch ist es ein Irrglauben anzunehmen, damit ließen sich alle Probleme beheben. Auch wenn die (neuen) Verhandlungspartner reibungs- und geräuschloser miteinander arbeiten, sind damit noch nicht unterschiedliche Ansätze und Meinungen bei Fachfragen aus dem Weg geräumt. Auch mit Tsakalotos stehen die Troika-Vertreter einem Minister gegenüber, der ihre Ansätze bedingt teilt.

Ein weiterer Ansatz kann helfen, solche Situationen zu entschärfen.

Stunde der Technokraten?

Landläufige Kommunikationsmodelle (siehe z.B. Watzlawick) brechen die zwischenmenschliche Kommunikation in vier Teilbereiche auf:

  • Selbstoffenbarung
  • Appell
  • Sachebene
  • Beziehungsebene

Die Berichterstattung zu den unterschiedlichsten Verhandlungsrunden lässt darauf schließen, dass neben Differenzen bei Fachfragen Störungen auf der Beziehungsebene erheblich zum Scheitern beigetragen haben.

Diese Störungen überlagern alle anderen Bereiche der Kommunikation und erschweren die Fortführung sachorientierter Gespräche.

Kommen Verhandlungen aufgrund persönlicher Differenzen ins Stocken oder wird bereits im Vorfeld von Gesprächen deutlich, dass persönliche Gründe dem Sacherfolg besonders im Weg stehen, rät ein bekanntes Werk der Verhandlungsführung die Zuhilfenahme von Emissären oder die Begleitung der Gespräche durch Dritte (siehe: Fisher, Roger u.a.: Das Harvardkonzept, 23. Aufl., Frankfurt am Main 2009). Diese können mit den ursprünglichen Verhandlungspartnern zusammen oder an deren Stelle die Gespräche weiterführen.

Einsatz von Fachleuten: In der Griechenlandfrage stellt der verstärkte Einsatz von Spitzenemissären eben eine solche weitere Option dar. Von den Staaten und Institutionen entsandte Experten, welche nüchtern die unterschiedlichen Vorschläge abwägen und Kompromisspakete schnüren. Der Politik kommt dabei neben der finalen Entscheidung über diese Vorergebnisse insbesondere die Aufgabe zu, die „Leitplanken“ vorzugeben und bei Bedarf nachzusteuern. Eine Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sich beide(!) Seiten vom Gedanken der reinen politischen Entscheidung verabschieden. Das betrifft jedoch die griechische Regierung stärker als die Troika.

Denn Griechenland nutze bislang EU-Gipfel und das Aushandeln im politischen Raum, um sich den von Fakten geprägten Fachverhandlungen zumindest teilweise zu entziehen. Und damit auch den eigenen Handlungsdruck abzuschwächen. So zumindest so die Außenwahrnehmung.

Der Einsatz von „Technokraten“ hat den Vorzug, dass mehr Fachfragen als politisch-ideologische Belange im Vordergrund stehen. Ebenso sind sie – zumindest im geringeren Maße – von parteipolitischen und innenpolitischen Sachzwängen getrieben.

Beispiel Italien: Im Zuge der eigenen Krise richtete Italien eine fachlich ausgerichtete Regierung Monti ein, deren eher technokratische Ausrichtung nüchtern das Land wieder auf Kurs brachte.