GKV-PKV=EKV, die Einheitskrankenversicherung wird kommen

Das Gesundheitssystem krankt an vielen Ecken und Enden. So gesehen ist der Begriff „Gesundheitssystem“ dem Grunde nach ohnehin irreführend. Aber gut, orientieren wir uns eben an der Grundidee: Es handelt sich um eine Organisation von Ressourcen und Interessen, die dazu beitragen soll, Menschen im Krankheitsfall solidarisch gesunden zu helfen. Die alte Leier aber, dass überall das Geld fehle, wird bald niemand mehr hören können. Was folgt daraus? Offenbar müssen wir das Finanzierungssystem unseres Gesundheitswesens komplett neu überdenken. Die Gesetzliche Krankvenversicherung (GKV) hat so lange funktioniert, solange alles vor Wohl- und Sozialstaat kaum noch gerade ausgehen konnte und die Einnahmen der Sozialkassen sprudelten. Trotz der wechselvollen Geschichte der privaten Krankenversicherung haben erst die gesetzlich verankerte Koexistenz von GKV und PKV 1970 und die Gesundheitsreform 1989, die es auch gut verdienenden Arbeitern und Angestellten ermöglichte, sich privat zu versichern, der PKV die nötigen Entwicklungsschübe verliehen. Somit ist die PKV eine recht junge Errungenschaft unserer gesundheitlichen Vorsorge.Ihre Ausdehnung hat kurzzeitig Druck aus dem Kessel der knapper werdenden Gesundheitsfinanzierung genommen. Denn nun konnten viele Ärzte ihre GKV-Patienten mit den privaten Patienten „Quersubventionieren“. Dieser Mechanismus stößt langsam an seine natürlichen Grenzen. Die PKV muss(te) massiv die Prämien erhöhen. Gesetzliche Auflagen bei den Altersrückstellungen und hinsichtlich der Anlagenmöglichkeiten schränken eben die Spielräume ein. Hinzu kommen die regelmäßig politisch motivierten Anhebungen der Beitragsbemessungsgrenze. Die Folge ist ein massiver Mitgliederschwund, der wiederum zur Prämienerhöhung beiträgt – ein Teufelskreis. Auf der anderen Seite vermittelt die GKV derzeit den trügerischen Eindruck, sie schwimme geradezu im Geld. Erst vor wenigen Tagen hat der Tätigkeitsbericht des Bundesvesicherungsamtes verschiedenste Praktiken kritisiert: Von teuren Detekteien, die Mißbrauch beim Krankengeld im Centbetragsbereich aufspüren sollen bis hin zu Rabattgutscheinen für Möbelhäuser, um Neumitglieder zu werben. Letzterem hat das Berliner Sozialgericht kürzlich Einhalt geboten: „Rabattgutscheine für Einrichtungshäuser oder Freizeitaktivitäten sind kein zulässiges Instrument, um Mitglieder für eine Krankenkasse zu werben“, hat das Sozialgericht (SG) Berlin mit Urteil vom 10. August 2012 entschieden (Az.: S 81 KR 1280/11).

Wie eng alles miteinander im Gesundheitssystem verzahnt ist, zeigt die Reaktion der Ärzte: Die Kassen fordern diese auf, zu sparen, wo sie können und wollen sogar deren Honorare weiter kürzen. Zeitgleich sitzen sie dieser Tage aber auf Rücklagen von um die 20 Mrd. €. Das ist kein wirklich schlagendes Argument für Ärzte, finanzielle Zurückhaltung zu üben. Das böse Erwachen wird nicht lange auf sich warten lassen. Politisch werden diese beiden eher konträr als komplementär laufenden Finanzierungssysteme nicht mehr allzulange zu halten sein. Das erste Kartenhaus, das fällt, wird die PKV sein, weil sie schon lange von der Substanz lebt und aufgrund vieler gesetzlicher Vorgaben gar nicht mehr das Refinanzierungspotenzial am Markt ausschöpfen kann, das sie benötigt, um über die Runden zu kommen. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Politik – sie ist ja nicht anonym, sondern es sind politische Entscheider, die mitunter sehr sensibel die Stimmungen ihrer Wähler aufgreifen – Begehrlichkeiten entwickelt, weil man mit den PKV-Rückstellungen die Finanzierungslücken der GKV schließen könnte. Erinnert sei hier z.B. an der chronischen Unterfinanzierung im stationären Sektor. Spätestens aber wenn dieser mögliche Hilfeschub der PKV (erinnere: der erste war die Ausweitung der PKV, die der GKV über die Runden half) zerschmolzen ist wie die berühmte Butter in der Sonne, wird man konkret über eine Einheitskasse nachdenken müssen. Hier werden dann Grundbedürfnisse befriedigt und der Rest ist Privatsache. Warum auch nicht?! Wir müssen lernen, dass die Vollkasko-Variante, mit der zwei, teilweise drei Generationen im Lande groß geworden sind, kein Bestandteil unserer Verfassung ist. Vielmehr muss es darum gehen, wirkliche Grundversorgungsangebote zu schaffen. Wer Keramik statt Kunstoff bei seinen Zahnfüllungen möchte, wird das über kurz oder lang genauso selbst tragen müssen wie die Fangopackungen oder die Physio, wenn es einmal am Hals zwickt. Was dann alle miteinander wieder lernen müssen, ist eine möglichst gesunde Lebensführung, zu der auch Sport und jegliche Form von Bewgung gehört. Vielleicht sollte sich mancher auch schon mit dem Gedanken anfreunden, statt noch eine größere Glotze zu kaufen, auf die alternative Heilmethode beim Osteopathen oder Homöopathen hin zu sparen. Wer für fünf Stufen schon eine Rolltreppe braucht, muss sich nicht wundern, wenn die hausgemachten Beschwerden einsetzen. Es ist eine Frage der Zeit, wann wir zwangsläufig vor dieser Situation in der Krankenversicherung und damit den Gesundheitsleistungen insgesamt stehen. Gesundheit hat heute leider einen viel zu geringen individuellen Wert, aber auch gesamtgesellschaftlichen Stellenwert, weil ja alles bezahlt wird. Das muss und das wird sich ändern!

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine – dort Abitur 1993 (keine zwei „Ehrenrunden“, sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) – zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Seit August 2013 führe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter.