Favelas mitten in Berlin?!

Ein aufschlussreicher Artikel von Ulf Poschardt am 9.10. in der WELT. Die Schrebergärten in Berlin sind ihm ein sichtlicher Dorn im Auge. Vielleicht ist es tatsächlich notwendig, so drastisch einzuschreiten. Allerdings sollte das Augenmerk auch auf einem anderen Aspekt liegen: Wie bekommt man Berlin – das zum Glück noch vergleichsweise viele Grünflächen hat – so verdichtet, dass die Lebensqualität am Ende nicht flöten geht? Der o.g. Autor will wahrscheinlich ebenso wenig „New Yorker Verhältnisse“ wie der Autor dieser Zeilen. Was macht also eine Stadt lebenswert? Das sollte die leitende Frage sein!Sind es eher die hochwertigen Immobilien à la seelenloses Wochenend-Apartment eines Yuppies, der vor lauter Jet-Set-Dasein ohnehin nie seine Vier Wände in Berlin sieht? Oder darf es eine Nummer kleiner sein, für Menschen mit mittleren Einkommen, die das Stadtleben bereichern, vor Ort arbeiten, Restaurants und Cafés besuchen, sich in Vereinen engagieren und im Zweifel für die Nachbarn da sind? Wenn irgendwann nur noch Palais, Edel-Lofts, Stadt-Villen, exklusive Townhouses und Luxus-Residenzen überall stehen, dürften sich einige wundern: „Dafür habe ich meine Datscha hergegeben?“

Keine Frage, bauen im Bestand und sinnvolles Verdichten von städtischen Innenräumen müssen – schon aus ökologischen Gründen – Vorrang vor versiegelnder Randbebauung haben. Dass es in Berlins dünn besiedeltem Umland Gegenden gibt, wo Bauland nicht mehr als ein Kleinwagen kostet, ist nicht nur eine Besonderheit dieser Stadt. Viele Dörfer im Land werden zersiedelt. Meist von sogenannten „Stadtverdrängten“, die gerne ihr Kleinhäuschen haben wollen – inkl. Garten und passenden Zwergen. Leider ist oftmals auch das entsprechende Angebot da, weil nicht selten in der Landwirtschaft die Fruchtfolge „Weizen, Rüben, Bauland“ lautet und die Landwirte nur zu gerne an die stadtgeplagten Geister gut verkaufen. Nicht weniger selten hat zudem der landreichste Wirt den Posten des Bürgermeisters inne, der im Rat dann für die Ausweisung von günstiger Bauscholle sorgt.

Das passiert aber auch verstärkt dadurch, dass die Menschen wie z.B. in Berlin keine passenden innerstädtischen Wohnungsangebote vorfinden, weil Investoren den großen Glamour anpeilen und am Ende eine Klientel anlocken, die vor lauter Wohnungen weltweit gar nicht weiß, wo sie überhaupt wohnen soll. Ich gebe zu, dass der Berliner Friedrichswerder zwischen Oberwall- und Kurstraße ein eher gelungenes Projekt von städtischer Verdichtung ist. Bei der Friedrichstraße sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Da ist man architektonisch eher nach dem Motto verfahren „kennst eins, kennst`e alle“.

Vielleicht ist das Gleichgewicht in Berlin über die Jahre der Teilung etwas gestört worden. So bemerkt Poschardt treffend

„Berlin ist seit Schinkels und Lennés Zeiten ein Ort, an dem Architektur und Natur flirtend in Beziehung treten.“

Das sollte auch so bleiben! Damit in Verbindung steht die Frage nach Raum. Wie viel (Wohn-)Raum kann ein einzelner Mensch beanspruchen? Theoretisch so viel er will. Eine sinnvolle Verdichtung von Innenstädten ist so aber schwer hinzubekommen. Da ist dann vielleicht besser die Villa auf dem Lande angeraten.Nicht, dass ich mir selbst nicht schon oft die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Gärtnerkolonien, die wie Campingplätze ohne Wohnwagen wirken, Gedanken gemacht hätte. Dennoch greift Poschardt mit seinem Kleingarten-Bashing ganz schön tief in die Kiste und bedient anti-kleinbürgerliche Klischees:

„So wie sich der zeitgenössische Bionaden-Bourgeois lebensweltlich seine eigene Provinzialität in den Szenevierteln rekonstruiert, frischt er nun das trostlose Nutzgärtnertum durch etwas keckere Farben, moderne Hüttenarchitektur und den Verzicht auf patriotischen Fahnenschmuck auf… Wie Favelas der unteren Mittelschicht nagen sie an dem Strukturteppich der Stadt und verblüffen selbst von oben mit einer Scheußlichkeit, die nicht einmal bei der Obstblüte im Frühling oder strahlendem Sonnenschein im Juli relativiert wird.“

Oha! Noch einmal, die Mischung macht es. Wie sähe denn der öffentliche Raum – die „Herzkammer einer Demokratie“ (Porschardt) – in Berlin aus, wenn die Leute der Mittelschicht nicht mehr am selben Ort wohnen und arbeiten könnten? Champagner-trinkende Jet-Set-Kultur ist auch nur bis zu einem gewissen Grad verkraftbar. Die Hamburger Hafencity zeigt derzeit sehr schön, wo man sich hinkalkulieren kann mit der aufgetakelten Retorte. Wirkliches Leben findet eher auf St. Pauli statt! Wenn der Autor dann noch schreibt, ein Bauträger habe gar

„die ambitionierten Pläne mit exzellenter Architektur mit hohen Lofts, Schwimmbad und Conciergeservice sozial downgegraded auf sogenannte `marktübliche´ Miet- und Eigentumswohnungen“ und dass „diese Art von sozialem Druck die Baukultur in Berlin in absurder Weise kleinhält und behindert“,

dann ist meine Entgegnung: Ceterum censeo, auf die Mischung kommt es an – viele Menschen wollen weder Concierge noch Schwimmbad im Haus – wir sollten froh sein, dass wir noch ohne permanente Sicherheitseinrichtungen wie beispielsweise zum Teil in Nord- oder Südamerika leben können. Das ist ein Ausdruck gelebter demokratischer Baukultur und ausgewogener Sozialkontrolle – ohne Blogwartatmosphäre und zudem bezahlbar!

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine – dort Abitur 1993 (keine zwei „Ehrenrunden“, sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) – zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Seit August 2013 führe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter.