Ein Blick in die neuen Bundesländer: September 1990

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Am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin. Am 18.März 1990 fanden in der nun zu Ende gehenden vierzigjährigen Geschichte der DDR die ersten freien Wahlen in der „DDR“ statt. Die früheren Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg- Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wurden mit dem Ländereinführungsgesetz der Volkskammer vom 22. Juli 1990 aus den vierzehn DDR- Bezirken wiedergebildet und der östliche Teil Berlins mit dem westlichen Teil der Stadt als Bundesland Berlin etabliert. Nach Abschluss des Abkommens der vier Deutschlandmächte mit den noch bestehenden zwei deutschen Staaten konnte der Anschluss der neuen Bundesländer an die Bundesrepublik Deutschland und die Übernahme des Grundgesetzes am 3. Oktober 1990 vollzogen werden. In weniger als einem Jahr war aus der militärischen und ideologischen Konfrontation, die mit Millionenheeren an der Bruchstelle in Europa mit hoher Einsatzbereitschaft und hochgerüstet feindselig in Geist und Waffen einander gegenübergestanden hatten, ein wiedervereinigtes Deutschland entstanden – und zwar in einem von den vier Deutschlandmächten und von der internationalen Staatengemeinschaft, vor allem von den Mitgliedstaaten der Europäischen Union mitgestalteten und mitgetragenen Prozess.

Vierzig und mehr Jahre hatten sich die Geheimdienste beider Seiten mit Argusaugen und mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln der nachrichtendienstlichen Aufklärung gegenübergestanden, einander beobachtet und den Opponenten zu schwächen versucht.

Nun war die Beobachtung der früheren DDR aus der Sicht des Bundesnachrichtendienstes auf die Umsetzung der Abrüstungs- und Abzugsvereinbarungen der sowjetischen Streitkräfte konzentriert, die im Laufe des Jahres 1990 vereinbart wurden.

War es da nicht für den Präsident des BND angezeigt, einen ersten neugierigen Blick in die Lebenswirklichkeit der neuen Bundesländer und ihrer Bürger zu werfen, die von dem Zwang der politischen Unterwerfung und allgegenwärtigen Beobachtung durch die Staatssicherheit befreit waren, aber nicht nur mit Begeisterung die Einheit des Landes begrüßten,sondern auch mit der Sorge, wie sie sich denn als Bürger der Bundesrepublik Deutschland würden entfalten oder durchschlagen können– unerfahren in freier Marktwirtschaft und all‘ ihren Möglichkeiten, aber auch unvorbereitet für die Risiken eigenverantwortlichen Lebens des Einzelbürgers konfrontiert.

Das zentrale Ereignis für die Bürgerinnen und Bürger in den neuen Bundesländern – sie wurden durch ein Gesetz der am 18. März 1990 frei gewählten Volkskammer vom 22. Juli 1990 wieder eingerichtet und erhielten aus den alten Bundesländern Expertise für den Aufbau einer bürgernahen und gesetzestreuen Verwaltung – war die Wiederherstellung ihrer Reisefreiheit über die Grenzen des Landes hinweg nach dem Westen. Der Sturz der Mauer bedeutete die Aufhebung des Reiseverbots, worunter die meisten DDR- Bewohner als Symptom des abgrundtiefen Misstrauens des Regimes gegenüber den eigenen Bürgern am stärksten gelitten hatten. Ihr Groll auf das Regime geht auf das Reiseverbot zurück. Der Sturz der Mauer und des Regimes bedeuteten die Wiederherstellung der Bewegungsfreiheit, die von der DDR mit dem Mauerbau im Jahre 1961 aus Furcht vor massenhafter Übersiedlung und Flucht in den Westen mit harter Hand unterdrückt worden war.

„Trabis“ und „Wartburgs“ krochen in großer Zahl über die westdeutschen Autobahnen, und Fernreisen mit Bussen wurden nach Rom, Paris, Madrid und an andere Ziele des Fernwehs organisiert, um die freie Luft der westeuropäischen Metropolen  zu schnuppern und tief Luft zu holen, bevor der zunächst einmal schwierige Alltag im vereinten Deutschland mit der am 1. Juli 1990 eingeführten DM – mit dem verführerischen Wechselkurs von 1 zu 1 – seinen Tribut verlangte. Abgesehen von Inseln der DDR-Wohnkultur in Plattenhäusern mit vielen Stockwerken und allerlei Defiziten in der Ausstattung und meist in den kahlen neuen Vorstädten gelegen, bot sich dem Besucher ein tristes Bild des Verfalls in den alten Stadtkernen an – sei es Dresden, wo immerhin der Pranger restauriert worden war, seien es die Messestadt Leipzig oder die mittelgroßen Städte wie Halle, Chemnitz und Jena, Stralsund, Rostock und Greifswald.

Westdeutsche fliegende Händler boten Westwaren an – in westdeutscher Verpackung und Qualität – ein Kontrast besonderer Art zu den lieblos angebotenen Nahrungsmitteln in den Konsumläden der DDR. Die fliegenden Händler aus dem Westen boten „Bundesrepublik light“an– mit dem Lieferwagen und fanden Abnehmer in jeder Menge.

Unsere Fahrt führte uns beim früheren Interzonenübergang bei Hof nach Thüringen und Sachsen mit einem Besuch des Naumburger Doms aus dem 13. Jahrhundert mit seinen weltbekannten Stifterfiguren u.a. Uta, der Ehefrau des Markgrafen Ekkehard, mit dem erschütternden Besuch in dem heruntergewirtschafteten Gebiet der Chemie-Kombinate um Bitterfeld und in die Metropolen Sachsens Leipzig und Dresden. Überall dominierten Staub und Geruch der mit Braunkohle betriebenen Wärme und Stromwerke sowie von den Lokomotiven die Landschaft. In den Dörfern bestimmten einfache,meist dringend der Reparatur bedürftige Ein-Familien-Häuser und„Platte“für die Arbeitskräfte der Landwirtschaftlichen Produktions-Genossenschaften den Gesamteindruck. Der freie Markt zeigte erste Angebote: Preiswerte Gäste-Zimmer mit Frühstück für die West-Besucher. Mit der einen oder anderen bezahlbaren Modernisierungs- und Restaurierungsmaßnahme versuchten die Gastwirte, Gäste aus dem Westen anzulocken.

Die Wahlkampf-Parolen des westdeutschen Kanzlers, des Kanzlers der Einheit, dass auch die neuen Bundesländer bald blühende Landschaften sein werden,wurde für bare Münze genommen,obschon sich kein Mensch vorzustellen vermochte, wie das denn erreicht werden könnte – über die Fortsetzung der Ausfuhren in die Sowjetunion, die aber ihren Außenhandel auf Hartwährung umstellte und sich im Winter 1991/92 auflösen sollte, oder durch die Modernisierung der VEB – der Volkseigenen Betriebe – in denen moderne Maschinen und vor allem Material für die Herstellung der Produktpalette des Unternehmens Mangelware waren?

Die sowjetischen Truppen waren unsichtbar geworden. Sie wurden in den Kasernen gehalten, um sie vor möglichen Übergriffen der Bevölkerung zuschützen. Der Besuch in einem Kasernenkomplex im Umkreis von Berlin zeigte das begrenzte Nahrungsmittel-und Konsumgüter- Angebot für die sowjetischen Familien. Im Gespräch wurde die Furcht vor baldiger Rückverlegung in die Sowjetunion erkennbar – und manche Ehefrau eines sowjetischen Offiziers suchte nach Beschäftigung in deutschen Haushalten und Betrieben, um das karge Gehalt aufzubessern.

Die Erwartungen der Menschen an die neue Zeit waren grenzenlos. Der marode DDR-Staat mit seinen vielen Mängeln sollte – so die Erwartung – rasch durch Fördermaßnahmen des bisherigen westdeutschen Staates, in dem Milch und Honig zu fließen schienen, abgelöst werden. Wem ein solcher rascher Wandel unwahrscheinlich erschien, machte sich auf in den goldenen Westen und fand Arbeit. Mehr als ein Jahrzehnt hindurch überwog die Abwanderung in den Westen den Zugang von Menschen aus dem Westen in die neuen Bundesländer.

An der offenen Mauer in Berlin verrichteten DDR-Grenzpolizisten weiterhin ihren Dienst – obschon es nichts zu kontrollieren gab. Im Gespräch traten Freude über die Vereinigung und Furcht vor der beruflichen und gesellschaftlichen Zukunft deutlich zu Tage. Man fragte sich unwillkürlich bei der Fahrt durch die östlichen Teile der Stadt oder auch andere mitteldeutsche Städte, wie denn diese heruntergekommenen Teile des vereinigten Landes in überschaubarer Zeit in eine sich selbsttragende Wirtschaft würde umgewandelt werden können. Zunächst einmal überwog die Tendenz, alles mit frischer Farbe zu übermalen,um dem Wandel zum Wohlstand sichtbaren Ausdruck zu verleihen.

In Putbus auf Rügen trafen wir – für beide Seiten unerwartet – den Erben des früheren Schlossherrn, der hoffte, den Familienbesitz wieder erwerben zu können, besser noch wieder übertragen zu bekommen. Die Hoffnung sollte nicht in Erfüllung gehen.

Unausgesprochen erwarteten die Menschen, die sich aus den Verkrampfungen der DDR lösten, die Dynamik Westdeutschlands, die sie bei ihren Besuchen im Westen erlebt oder in Fernsehsendungen empfunden hatten,um im Windschatten dieses Umbruchs Beschäftigung und Wohlstand zu erreichen. Für die Menschen, deren Vorstellungen sich in den Jahrzehnten der Konfrontation in den Bildern der deutsch-sowjetischen Freundschaft und einem sozialistischen Weltbild mit einem entsprechenden, in der Bundesrepublik Deutschland verankerten Feindbild manifestiert hatte,war mehr als nur ein Trugbild zusammen gebrochen. Wann würde die vereinigten Bundesrepublik Deutschland auch für diese Bürger unseres Landes ihr Deutschland sein können?

Nachdenklichkeit prägte den Rückflug von Lübeck nach München – zum Sitz des BND in Pullach.

Geboren am 28. März 1928 in Hamburg, 1947-1952: Studium der Geschichte, Philosophie und des öffentlichen Rechts an der Universität Hamburg und Promotion zum Dr. Phil. mit der Dissertation "Die Entstehung der Christlich-Demokratischen Union und die Wiedergründung der Zentrumspartei 1945-1947“ (Drosteverlag, Düsseldorf 1953) Berufliche Entwicklung und Stationen: 1954-1993: Mitglied des Deutschen Auswärtigen Dienstes 1966-1974: Bundesministerium der Verteidigung, u.a. 1970-1974 als Leiter des Planungsstabes (Ministerialdirektor) 1974-1977: Botschafter in Teheran (Iran) 1977-1980: Botschafter in Moskau (Sowjetunion) 1980-1985: Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland im Nordatlantik-Rat (NATO), Brüssel 1985-1990: Präsident des Bundesnachrichtendienstes 1990-1993: Botschafter des vereinigten Deutschlands in New Delhi (Indien) 1993-1995: Nach dem aktiven Dienst zeitweise Berater der Bundesregierung bei Präsident Schewardnadse (Georgien) 1997-2001: Leiter der OSZE Berater- und Beobachtergruppe in Minsk (Belarus) Zivilgesellschaftliche Tätigkeit: 1996-2008: Vorsitzender Deutsch-Indischen Gesellschaft e.V.(www.dig-ev.de) Seit 2004: Vorsitzender des Beirats des „Gesprächskreises Nachrichtendienste e.V.“(www.gknd.de) Seit 2004: Vorsitzender der Vereinigung „Menschenrechte in Weißrussland e.V.“ (www.human-rights-belarus.org) Seit 1982 Johanniter-Orden, Deutschland Lehrtätigkeit und Publikationen: Gastprofessuren und Lehraufträge in Eichstätt, München, Berlin/Freie Universität, Viadrina und Lublin/Polen; zahlreiche Aufsätze und Beiträge über internationale Themen. Z.B.: "Internationale Sicherheitsfragen nach dem Irak-Krieg", die "Einbettung von Geheimen Nachrichtendiensten in demokratisch verfasste Staaten", "Strategien zur Überwindung oder Eingrenzung des internationalen Terrorismus" und "die Schwierigkeiten der demokratischen Transformationsprozesse in der Russischen Föderation und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion", u.a. in Belarus. Weitere Publikationen beziehen sich auf Indien und Südasien sowie die Deutsch-Indische Gesellschaft.