Digital Public Affairs: Lobbying in der Matrix

Trotz digitalem Wandel kein Auslaufmodell: das Gespräch in der Hotellobby
Foto: Trey Ratcliff | CC by 2.0

Würde man auf der Straße wahllos Leute fragen, was sie sich unter dem Begriff Lobbying vorstellen, dürften die meisten wohl antworten, dass ein Lobbyist den ganzen Tag durch den Bundestag läuft, um Politikern ihre Unternehmensinteressen zuzuflüstern, und wenn man mal gerade nicht durch den Bundestag tigert, führt man konspirative Gespräche im Einstein oder Borchardt oder sitzt in der Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels. Dass Lobbying heutzutage zunehmend virtuell abläuft, vermuten die wenigsten Außenstehenden.

Politik ist in den vergangenen 10 Jahren immer digitaler geworden: jeder kennt die erfolgreiche Präsidentschaftskampagne von Barack Obama, bei der die Einbindung von sozialen Medien eine wichtige Rolle gespielt hat und ein echter Game-Changer war, die seitdem von unzähligen Politikern auf der Welt nachgeahmt wurde. Auch in der deutschen Politiklandschaft ist diese Entwicklung angekommen. Bundestagsabgeordnete wie Dorothee Bär, Volker Beck oder Peter Tauber besitzen auf Twitter und Facebook eine unglaublich hohe Präsenz und vermitteln dadurch eine Bürgernähe, die man sich in früheren Jahrzehnten niemals hätte träumen lassen.

Es ist möglich, mit diesen Politikern zu jeder Tageszeit in den direkten Dialog zu treten und tatsächlich gehört zu werden. Möglicherweise ist dies ein Grund, warum vor allem die o.g. Politiker sich einer höheren Beliebtheit erfreuen, als diejenigen, die eher reserviert zur Rolle des „Politikers zum Anfassen“ stehen. Für einen Politiker, der die Diskussionen in sozialen Medien jedoch nicht nur verfolgt, sondern aktiv daran partizipiert, hat am Ende nicht nur mehr Informationen, sondern kann die öffentliche Diskussion zu einem gewissen Grad mitbestimmen.

Dort, wo Themen entstehen, und noch dazu Politiker zu finden sind, kann der Lobbyist nicht weit entfernt sein. Dementsprechend hat sich in den vergangenen Jahren der Begriff „Digital Public Affairs“ etabliert, der keine hippe Umschreibung für die Interessenvertretung von eCommerce-Unternehmen darstellt, sondern für die Verlagerung des Lobbygesprächs ins Internet steht.

Aber der Reihe nach.

Wer erfolgreiches Lobbying betreiben will, muss Informationen absorbieren wie ein Staubsauger, aus denen am Ende eine Lobbying-Strategie entwickelt werden kann. Früher waren (mal abgesehen von Politikern und deren Mitarbeitern als Primärquelle, vorausgesetzt, man hatte die richtigen Kontakte im Adressbuch) die Hauptinformationsquelle die Zeitung und das Fernsehen. Mittlerweile als Hauptquelle  nicht mehr wegzudenken ist „das Internet“  – um genau zu sein, die Online-Ableger der relevantesten Printzeitungen und –Zeitschriften sowie die meistfrequentierten Social Media-Portale wie Facebook, Twitter und Google Plus, wo User nicht nur Zeitungsartikel teilen können, sondern diese in eigenen Blog-Artikeln und Statements kommentieren können – für die ganze Welt les- und teilbar.

Durch diese Teilbarkeit ist es möglich geworden, dass sich der Bürger stärker in die Diskussion z.B. über geplante Gesetzesvorschläge von Parteien oder Lobbyisten einbringen kann und im Extremfall ein Thema, das vielleicht nur eine fachliche Klientel interessiert, zu einem gesellschaftlich bedeutsamen Thema machen kann, das auch in den klassischen Medien diskutiert wird und zu dem irgendwann jeder eine Meinung hat – eines der bekanntesten Beispiele hierfür ist die Debatte um das Leistungsschutzrecht. Der Einfluss von Bürgern via Internet beschränkt sich jedoch nicht nur auf netzpolitische Themen –  wenn wir an die Ägyptische Revolution von 2011 denken, denken wir sofort daran, wie diese Revolution über Facebook und Twitter nicht nur bekannt gemacht wurde, sondern die Demonstrationen über die sozialen Medien organisiert wurde, weshalb sie unter dem Namen „Twitter-Revolution“ in die Geschichtsbücher einging.

Trotz dieser neu geschaffenen Möglichkeiten, nicht einfach nur Informationen in Form von Pressemitteilungen und Zeitungsartikeln zu sammeln, sondern aktiv und unkompliziert mit Politikern und Bürgern zu kommunizieren – oder „auf den Mund“ zu schauen, scheint es gerade im Berliner Lobbybetrieb noch immer Vertreter  zu geben, die politische Arbeit zum Großteil immer noch als rein analoge Angelegenheit betrachten und digitale Instrumente eher nebensächlich behandeln.  Angesichts der Tatsache, dass man auf virtuellem Wege effiziente Wege finden kann, mit denen man mögliche Mitstreiter informieren, Unterstützer nicht nur mobilisieren, sondern eine gegenseitige Unterstützer-Basis für ein Thema aufbauen kann, und das lange, bevor ein Thema heiß genug für die klassischen Medien geworden ist,ein großer Fehler.

Christian P. Krohne ist Public Affairs-Berater und berichtet hier über aktuelle Entwicklungen rund um die Welt der PR, Lobbying und politischen Kommunikation. Sie wollen mit ihm ins Gespräch kommen? Folgen Sie ihm auf Twitter oder vernetzen Sie sich mit ihm auf LinkedIn.