Die sichtbare Wende

Viele Jahre gab es für Wende nur ein Synonym: 1989. Das hat sich spürbar verändert. Mit ihm sei die Wende ein wenig sichtbarer geworden, frotzelte der unübersehbare Bundesumweltmeier Peter Altmaier und meint dieses Mal die Energiewende. Es war sein Auftritt bei der Veranstaltung des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie mit dem schlichten Titel „Die Energiewende“ gestern Vormittag im Berliner Steigenberger. Bevor er jedoch mit seinen Zuhörern von der Industrie ins Gericht ging, stimmte Verbandspräsident Prof. Bauer die Teilnehmer auf die Thematik ein. Er berichtete über seine innere Zerrissenheit bei der Entscheidung im CSU-Präsidium, dem er angehört, über den Atomausstieg. Ihm, einem langjährigen Befürworter der strahlenden Energiegewinnung. Ein beruflicher Aufenthalt vor kurzem ganz in der Nähe des japanischen Unglücksreaktors in Fukushima habe ihn jedoch in seiner Entscheidung gegen Atom und für die „Energiewende“ (ein Begriff, der sich nur langsam mit Leben fülle) nachgerade bestärkt.Die Energiewende stellt uns vor zwei gigantische Herausforderungen: Zum einen ist unsere komplexe und hochspezialisierte Industriegesellschaft auf Versorgungssicherheit angewiesen. Es gibt Industriebereiche, da darf nicht einmal für eine 1/100 Sekunde der Strom ausfallen, dann sind die Maschinen und Einrichtungen unbrauchbar. Okay, die haben meistens ohnehin eigene, vom Gesamtnetz unabhängige Versorgungseinheiten. Zum zweiten aber ist ein gut 100 Jahre gewachsener Sektor der herkömmlichen Stromversorgung binnen der halben Zeit komplett umzukrempeln – unter Volllast. Trotz dieser Unwägbarkeiten, ein wesentlicher Grund für Bauer, sich gegen Atom und für die Wende zu entscheiden, ist die Tatsache, dass wir heute über Alternativen verfügen, an die man vor 20 Jahren noch gar nicht denken konnte wie z.B. Windräder mit 5 Megawatt Leistung (off-shore sogar noch mehr) und hocheffizienten Solarpanelen. Dieses Jahr Pfingstmontag wurde bei der PV der Rekord von 22 Gigawatt Leistung (entspricht etwa 22 mittleren Atomkraftwerken!) in der Spitze bei ca. 30 Gigawatt installierter Leistung aufgestellt. Vielleicht braucht tatsächlich alles seine Zeit, so auch die Energiewende. Insgesamt scheint es derzeit ein sehr günstiges Zeitfenster für die Energiewende zu sein; so ähnlich wie das Fenster für die deutsche Wiedervereinigung auch nicht lange offen stand und konsequent genutzt wurde. In der Theorie wissen wir in Sachen Energiewende ziemlich gut, wie es funktionieren kann und soll. Doch die Phase, in der wir uns jetzt befinden, ist die „Operation am offenen Herzen eines Marathonläufers während seines Laufs, bei dem er einen Weltrekord aufstellen will“, so formulierte es Peter Altmaier in seiner Botschaft an die Teilnehmer.

Die Parallelität von Forschung und Entwicklung neben dem Lasthochfahren, damit die atomaren Großkraftwerke spätestens ab 2022 komplett ersetzt werden können, war denn auch der Hauptkritikpunkt seitens der Industrie und hier ergriff Dr. jur. Frank Stieler, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender von HochTief, das Wort. Er fordert die Politik auf, vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen. Bei den großen Herausforderungen sei man lediglich im Bereich der Erzeugung von erneuerbarer Energie dem Zeitplan voraus. Verteilung, Durchleitung und Speicherung hingegen liegen weit hinter Plan. Das ist vergleichbar mit dem Bau eines riesigen Containerhafens, wo täglich Millionen von Containern anlanden und keine Hinterlandanbindung für deren Abtransport bereit steht. Natürlich ging Stieler auch ausführlich auf die Speicherfrage ein. Ein nicht zu unterschätzender Faktor beim Thema Erneuerbare. Derzeit gibt es in Deutschland lediglich 31 Pumpwasserspeicher (PWS) mit einer Leistung von 7 Gigawatt. Das wiederum sei aber weniger als der Tagesstrombedarf der Bundesrepublik. Neben dem klassischen PWS gibt es  andere Speichertechnologien. Auf hoher See denke man derzeit verstärkt über Betonkugelspeicher nach. Riesige Betonkugeln, die im Meer versenkt werden und in die Wasser einströmt und dabei via Turbinen Strom erzeugt. Überproduzierter Strom z.B. in der Nacht pumpt dann das Wasser wieder raus, um bei Spitzennachfrage erneut Wasser einströmen zu lassen. Ein Problem, das zumindest die PWS in ähnlicher Dimension haben wie die Transporttrassen ist die Akzeptanz in der Bevölkerung. E.on bekommt das seit einiger Zeit im Südschwarzwald zu spüren. Daher werde man wohl in dieser Speichertechnologie Zukunft nur dezentrale und kleinere PWS um- und durchsetzen können, so Stieler. Und um die Bedeutung der Speicher nochmals zu unterstreichen schloss er mit dem Satz: „Verstromte Energie kann man eben nicht in der Cloud parken.“

Das alles kostet also ungeheuer viel Geld. Da gehen dann auch die Schätzungen (wie will man so etwas überhaupt realistisch schätzen?!) auseinander. Bis 2050, so die Industrie, würden sich die Kosten auf ca. 800 Mrd. € belaufen. Das ist in der Tat ein Haufen Geld, aber es sind auch noch 38 Jahre Zeit. Die Chance, die Verbandspräsident Bauer darin sieht, ist der Technologievorsprung, den die Deutschen sich derzeit bei und mit der Energiewende erarbeiten. Da Japan nunmehr auch den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen habe – bis 2040 – kann das bedeuten, dass Deutschland seine Technologie irgendwann dorthin exportiert. Es kann aber auch sein, dass Deutschland aktuell viel Lehrgeld bezahlt für das Studium der Energiewende und die Japaner den Spaß dann viel günstiger bekommen. Wer nun glaubte, der Ball läge im Feld der Politik, der hatte seine Rechnung ohne den Auftritt von Peter Altmaier gemacht. Altmaier knöpfte sich zunächst die Lamentierer vor und konfrontierte die Industrievertreter mit Wernher von Siemens, der vor 120 Jahren ohne High-Tech, Autobahnen und mit einer nur mäßigen Eisenbahn die halbe Welt mit Telegraphenleitungen ausgestattet habe. Wenn es uns heute im Vergleich dazu bei allem Fortschritt nicht gelinge, die Herausforderungen der Energiewende zu meistern, dann hätten wir etwas gehörig falsch gemacht. Ein weiterer Vergleich für den Ansporn: Ende der 80iger Jahre habe Franz-Josef Strauß einen Flughaben aus München heraus ins Erdinger Moos verlegt. Per Knopfdruck über Nacht wurde umgezogen und am nächsten Morgen sind die Flugzeuge nicht mehr in Riem, sondern im Moos gestartet und gelandet. Die ganze Welt hatte damals, 1992, auf Deutschland geschaut, weil die ganze Welt so etwas noch nicht gesehen hatte. Das können nur die Deutschen, lautete seinerzeit die Botschaft. 20 Jahre Später hat Deutschland Berlin-Brandenburg International. „Da ist etwas gehörig schief gelaufen“, wetterte der Minister. Wir müssten wieder selbstbewusster mit unserem Können umgehen und das auch weltweit unter Beweis stellen. Altmaier habe den Eindruck, dass in Deutschland die wichtigen Fragen so lange diskutiert würden, bis die wirklich wichtigen Fragen ganz aus dem Blick geraten.

Daher war sein vorderstes Ziel bei Amtsantritt, sich mit den Bundesländern zusammen zu setzen und zwei gewichtige Fragen zu einer Entscheidung zu führen: Die Solarförderung und die damit einhergehende Deckelung der zu installierenden Leistung auf 52 Gigawatt bis 2020 sowie die Leitungsthematik. Was nämlich nicht sein dürfe ist, dass der Bund ungeheure Anstrengungen bei der Off-Shore-Winderzeugung unternehme, bis aber die Anlagen-Parks im Meer  sowie die Leitungen bis zum Deich und von dort in den Süden des Landes fertig sind, würden Bayern und Baden-Württemberg als wichtige Industriezentren den Strom via Italien und Brenner aus der Sahara bekommen, weil man im Norden die Sache zu lange diskutiert habe.

Was ein interessanter Fakt zwischen Altmeiers Zeilen war, bezieht sich auf einen Hinweis zum EEG. Es gehöre zum Basiswissen eines Erstsemesters der Volkswirtschaftslehre, dass man Subventionen degressiv gestalten müsse, sonst würgen sie die Marktkräfte ab. Bei der Photovoltaik ist das ein ernstzunehmendes Problem bekennt der Minister. Bis 2040 soll die Einspeisevergütung auslaufen; nicht jedoch der Einspeisevorrang der Erneuerbaren. Das könne man dieses Jahr aber nicht mehr auf den Weg bringen. Das wiederum heißt, dass es nächstes Jahr vor der Bundestagswahl auch noch nicht angepackt wird. Die Einspeisevergütung entwickelt sich aber zu einem ernsten Problem mit Blick auf die Strompreise und damit für jeden einzelnen Wähler in diesem Land.

Einen lobenswerten Schlussappel richtetet Minister Altmaier an die Einstellung der Menschen gegenüber Neuerungen. „Wir müssen Technologieoffen bleiben, dann hat die Energiewende eine Chance.“ In der Tat, wenn man bedenkt, dass heutzutage in einem iPhone 4S die Technik steckt, mit der die Amerikaner 1969 den Mond erreicht haben, dann könnte auch für die Energiewende Musik drin sein. Was im Rahmen der Energiewende jedoch stets mitdiskutiert werden sollte – und das ließ der Minister leider aus -, ist die Dimension der Energieeffizienz. Die größte Reserve liegt in der Energie, die wir nicht verbrauchen. Das ist die Krux: Strom kann man nicht hören, fühlen, riechen, schmecken oder sehen. Er ist einfach und überall da, wo eine Steckdose ist. So etwas verführt zum Verbrauch. Hier muss weiter Bewusstsein geschaffen werden – möglichst frühzeitig z.B. in Schulen. Warum nicht ein Schulfach „nachhaltiger Umgang mit Ressourcen“ als Energiewenden-Begleitung einführen?

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine – dort Abitur 1993 (keine zwei „Ehrenrunden“, sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) – zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Seit August 2013 führe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter.