Die Nadelstiche der Eurosklerose

CC 2.0 by Charles Clegg - Nadelstiche in Europa
CC 2.0 by Charles Clegg

Europa ist der alte Kontinent. Als solcher hat er schon einiges erlebt. Das politische Europa ist noch nicht ganz so alt, aber gemessen an dem „Davor“ zumindest schon durchaus jung erwachsen. Über die letzten Jahrzehnte hat es immer wieder weitreichende Debatten über die Zukunft Europas gegeben. Die positive Gründerstimmung in Rom war bald verflogen, dann kamen verschiedene Erweiterungsrunden, die deutsche Wiedervereinigung eröffnetete ganz neue Perspektiven, in ihrem Kielwasser kam der Euro, dann die Osterweiterung und zwischendrin ein Krieg direkt in der Nachbarschaft, der ohne die Amerikaner wohl zu einer ernsthaften europäischen Bedrohung geworden wäre. Als Inbegriff einer Kriese jüngerer Tage steht Griechenland.Es zeichnetete sich im zurück liegenden Jahr bereits ab: Europa steht vor ernsten Herausforderungen. Die Finanzkriese, die rasch auch als „Euro-Kriese“ abgehandelt wurde und am Ende in erster Linie in Griechenland gipfelte, hatte und hat die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union über Jahre fest im Griff. Dazu gesellte sich 2015 die Flüchtlingskriese, die zum Stand heute der Lackmustest für die Union wird – noch ausgeprägter als man das in der schlimmsten Phase der Finanzkriese überhaupt erahnt hat. Schengen, die Großtat in Sachen Freizügigkeit von Menschen, Waren und Dienstleistungen schlechthin und Symbol für eine wirkliche Integration, steht auf dem Spiel und über die Aufnahmekapazitäten von Menschen aus Bürgerkriegsregionen sowie Wirtschaftsflüchtlingen droht der letzte innereuropäische Kit, der das politische Projekt zusammenhält, aus den Ritzen zu fließen.

Als wäre all das nicht schon genug, streben die Briten sogar ein Referendum über den Verbleib in der EU an. Brüssel verliert in den Augen vieler Bürger mehr und mehr das Ansehen. Damit schwindet die Fähigkeit, ernsthaft für eine Integration und europäische Zukunftsideen zu werben. Die eurokritischen, nationalen politischen Kräfte erstarken – ironischerweise genau dort am stärksten, wo die Gemeinschaft massiv geholfen hat, aus dem sozialistisch-kommunistischen Schlammassel herauszukommen. Peter Glotz hat viele Jahre insbesondere Anfang der 2000ner die Erweiterungsfragen der EU thematisiert. Er trat regelmäßig für die Maxime „Vertiefung vor Erweiterung“ ein. Erweitern ist so positiv, so schön. Fast wie ein neues Stück Autobahn einweihen – Erfolg hat viele Väter. Das Vorhandene nachhaltig in Stand zu setzen, das ist immer aufwendiger und wird daher lieber stiefmütterlich behandelt.

Wohin ist der Geist eines Europa als Friedensprojekt in Folge der zwei Weltkriege Anfang/Mitte des 20. Jahrhunderts verflogen ist, lässt sich nur schwer beantworten. Die Strahlkraft schwindet langsam aber dafür beharrlich. Derzeit treibt Europa im Fahrwasser zwischen Zerfall und einer belanglosen Freihandelszone. Es wird Zeit, dass sich viele Europäer an den Cecchini-Bericht von vor bald 30 Jahren erinnern. Paolo Cecchini, ein italienischer Wirtschaftsprofessor und Bankier, scharrte damals all diejenigen um sich, die mehr Integration für die EU forderten. Der Begriff „Eurosklerose“, also schleichender Schwund der europäischen Idee, machte zuvor die Runde. Soweit sollte es eigentlich nie wieder kommen. Noch ist es möglicherweise nicht zu spät, größeren Schaden abzuwenden.

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine – dort Abitur 1993 (keine zwei „Ehrenrunden“, sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) – zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Von August 2013 bis April 2018 habe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter geführt. Seit Mai 2018 ist Fabian Haun gleichberechtigter Partner.