Die Deutsch-Indischen Beziehungen im Wandel


Die Modernisierung Indiens – ein neuer Anlauf

Am 26. Mai gewann Narendra Modi mit der Nationalen Volkspartei (/BJP) und seiner Koalition in überzeugender Weise bei sehr hoher Wahlbeteiligung die Nationalwahlen zum Unterhaus – der Lok Sabha. Große Erwartungen werden an seinen Wahlsieg geknüpft.

Am 24. September trat das von Indien entwickelte, gebaute und in den Weltraum gestartete Raumfahrzeug seine Umlaufbahn um den Mars-Planeten an und es zieht neben dem amerikanischen Raumfahrzeug seine Bahnen um den roten Planeten. Neben diesen beiden Ländern sind es Russland und die Europäische Weltraumorganisation, die das erfolgreich geschafft haben. China und Japan blieben bislang erfolglos.

Beflügelt von dieser, von der indischen Öffentlichen mit großem Enthusiasmus verfolgten technischen Leistung lanciert der neue Ministerpräsident seine an die Landsleute und an die ausländischen Investoren gerichtete wirtschaftspolitische Kampagne „Make in India“ – eine Anspielung auf die Erfolgsgeschichte von „Made in Germany“.

Modi verkündet einen neuen wirtschaftlichen Aufbruch!

Der Weg zum Erfolg seiner wirtschaftspolitischen Ziele ist steil und voller Tücken. Im globalen Zeitalter und der stürmischen See, die mit Gegenströmungen aus dem Lager der Kämpfer für den Freihandel und dem der Schutzzoll-Apologeten in Unruhe gehalten wird, ist es nicht leicht, Anteile am Welthandel zu gewinnen.

Ein wirtschaftlicher Aufschwung muss alle Teile des vielschichtigen Bevölkerungsprofils des Landes erreichen und von allen Teilen des Landes und der Bevölkerung mit erarbeitet werden. Die weiterhin finanziell unterstützte bilaterale Entwicklungszusammenarbeit zwischen Deutschland und Indien hat daher als Förderer von Innovation auf den Feldern der Überwindung der Armut in Indien, der Gestaltung der Umweltpolitik und des Klimaschutzes sowie bei der Förderung von kleinen und mittleren Unternehmensgründungen vor allem im ländlichen Raum weiterhin große Bedeutung.

Erst die Öffnung der eigenen Märkte wird die Industrieproduktion in Indien, die 16 Prozent des Bruttoinlandprodukts ausmacht, auf Weltniveau bringen können. In sechs der sieben führenden Länder der Welt (G7) kann China mit seiner Industrieproduktion auf 13 von 22 Produktfeldern konkurrenzfähig am Markt mitwirken, Indien nur auf einem Feld (Buntmetalle). In Deutschland ist die chinesische Produktion nicht konkurrenzfähig, stellt die Zeitschrift „Contemporary Economic Policy“ im Jahre 2014 fest und fügt hinzu, dass die deutsche Industrie erfolgreicher als die anderen Industriestaaten auf dem chinesischen Markt präsent ist.

Modi steht vor der Wahl, die eigene Industrie durch Schutzzölle zu fördern und ihren Erfolg auf dem heimischen Markt weiter zu entwickeln oder aber über die Freihandelsabkommen, zum Beispiel mit der Europäischen Union, über das seit langem verhandelt wird, aber auch über die Abkommen der Welthandelsorganisation – WTO – die eigenen Märkte zu öffnen und dem internationalen Wettbewerb zu stellen. Das bedeutet Modernisierung und Beteiligung Indiens am globalen Wettbewerb. Es scheint, dass sich Modi für den ersten Weg entschieden hat – zum Schaden der Modernisierung der indischen Volkswirtschaft. Die von Modi angekündigte Öffnung des Markts für internationale Investitionen hat nur begrenzte Relevanz.

Der eindrucksvolle Wahlsieg von Narendra Modi darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt:

Narendra Modi
Narendra Modi, Quelle: Al Jazeera English / CC-Lizenz

Wegen des in Indien geltenden einfachen Mehrheitswahlrechts kann eben eine Siegerpartei mit einem Stimmenanteil von 30 Prozent 280 Direktmandate von 543 Sitzen im Parlament gewinnen und die Koalition insgesamt 340 Sitze, während die Kongress-Partei, also die Verliererin der Wahlen, mit einem Stimmenanteil von 24 Prozent der abgegebenen Stimmen weniger als zehn Prozent der Sitze im Unterhaus gewann. Die für die BJP ungünstige Zusammensetzung des Oberhauses – Raja Sabha – kann erst im Jahre 2018 verändert werden. Narendra Modi – belastet mit der Verantwortung für die Pogrome gegen die Muslime in Gujarat im Jahre 2002, hat Gujarat wirtschaftlich vorangebracht und eine weitgehend saubere Verwaltung durchgesetzt. Anstrengungen auf diesen beiden wichtigen Feldern der Regierungsarbeit  können wir auch als Hauptpunkte seiner Regierungsarbeit in New Delhi erwarten. Damit wäre schon eine Menge gewonnen – aber es Entscheidungen über Reformen mit weitreichenden Folgen für das Land auf der Tagesordnung, bei deren Umsetzung die Bundesländer mitwirken müssen. In vielen Länderparlamenten ist die Stellung der BJP weit davon entfernt, dominant zu sein.

Narendra Modi wurde gewählt, weil sich die Kongress-Koalition unter der unvermeidbaren, aber doch abträglichen Doppelführung von Sonja Gandhi und Manmohan Singh am Ende als ein Fehlschlag erwiesen hat bzw. so im Lande gesehen wird.

Vor dem Hintergrund der doch nicht so günstigen Machtverhältnisse und dem spezifischen Charakter der Führungspraktiken von Narendra Modi, dem ein autoritärer und populistischer Führungsstil nachgesagt wird und nicht die Bereitschaft zu einer kooperativen Regierungsarbeit mit verschiedenen wichtigen und unverzichtbaren Schwergewichten in politischer und sachlicher Hinsicht, können wir eine im wesentlichen pragmatische Regierungsarbeit mit guten Ergebnissen auf einzelnen Feldern der anstehenden Problemen erwarten –  aber nicht die Reform an Haupt und Gliedern, die nach Auffassung vieler Beobachter für Indien angezeigt ist.

Aufschwung für deutsch-indische Beziehungen

Der hier skizzierte und in allen Fachkreisen erwartete Aufschwung in Indien – jedenfalls in einigen Bereichen – kann, ja wird auch den deutsch-indischen Beziehungen neue Impulse geben.

Vor dem Hintergrund der von der leidvollen Kolonialherrschaft geprägten Geschichte des südasiatischen Raums hat sich gleichwohl eine enge Verknüpfung des Landes und seiner Bewohner mit den englischsprachigen Zivilisationen ergeben, die sich in Millionen von Menschen mit Wurzeln in Südasien widerspiegelt, die heute in Großbritannien und den USA, aber auch anderen englischsprachigen Ländern leben oder dort ihre Berufsausbildung erhielten.

Die Verknüpfung Südasiens – nun als Indien und Pakistan sowie von Bangladesch – mit dem deutschsprachigen Raum, darunter mit Deutschland beruht fast ausschließlich auf Entscheidungen, die sich für die Beteiligten nicht aus dem „Mainstream“ des sozialen,  beruflichen und politischen Bewusstseins ergeben, sondern aus jeweils besonderen sozialen, wirtschaftlichen oder beruflichen Konstellationen. Der deutschsprachige Raum Europas mag aus verschiedenen Gründen in den Ländern Südasiens ein hohes Ansehen genießen. Er stellt aber in der Regel schon aus sprachlichen, aber auch aus gesellschaftlichen Gründen nicht die erste Wahl im Falle von Ausbildung und beruflicher Tätigkeit im Ausland dar. Die große Mehrheit der heute in Deutschland lebenden Menschen mit indischen Wurzeln, kam in den fünfziger und sechziger Jahren zum Studium oder zur Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit im gesundheitsdienstlichen Bereich nach Deutschland und schlug hier Wurzeln.

Die Deutsch-Indische Gesellschaft, im Jahre 1953 in Stuttgart gegründet und heute mit mehr als dreißig meist eigenständigen Gesellschaften in allen Teilen des Landes vertreten, ist ohne die Begegnung und Verständigung zwischen Deutschen und den zu uns gekommenen und hier heimisch gewordenen Menschen mit Wurzeln in Südasien gar nicht denkbar.

Diese Form zivilgesellschaftlichen Engagements im Austausch mit anderen Kulturen bedarf neuer Impulse und neuer Zuströme aus der Bevölkerung – sei es auf Grund globaler Problemstellungen, sei es im Wege der Interaktion im wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Bereich, in Bereichen also, in denen mit Gemeinsamen Handelskammern und Zentren für Regionalstudien innerhalb und außerhalb der Universitäten schon Einrichtungen gemeinsamen Interesse geschaffen worden sind. In diesem Zusammenhang dürfen die grenzüberschreitenden, von gemeinsamen Glaubensinhalten geprägten Strukturen nicht übersehen werden, die von den christlichen Kirchen getragen und gefördert werden und Verbindungen zwischen Menschen unterschiedlichen zivilisatorischen Hintergrunds schaffen, die seit Jahrhunderten besonders im Schul-, Bildungs- und Fürsorgebereich eine feste Größe im indischen Erziehungs- Bildungs- und Fürsorgebereich geworden sind.

Ohne dass damit in jedem Fall Verlagerungen des Lebens-Mittelpunkts verbunden waren, gibt es zwischen Deutschland und Indien eine Jahrhunderte alte Verknüpfung zivilisatorischer Natur, die sich aus der Begegnung der Kulturen entwickelt hat– wie bei den Missionaren, die 1706 auf Geheiß des dänischen Königs aus den vom aufgeklärten Pietismus geprägten Franke‘schen Stiftungen in Halle aufbrachen, um in Tranquebar/Tamil Nadu, einer dänischen Kolonie, den christlichen Glauben zu verbreiten. Sie erlernten als erstes die Landessprache, um mit den Menschen ins Gespräch kommen zu können. Protestantische Missionare aus vielen Teilen Europas haben auf diesem Wege viele der in Indien gesprochenen Landessprachen erlernt, systematisiert und in andere Sprachen übersetzt. So entstand ein wissenschaftliches Interesse am Studium Südasiens und seiner Kulturen. Das war die Geburtsstunde der deutschen Indologie, die mit Max Müller, dem aus Dessau stammenden Sanskrit-Gelehrten in Oxford,  weltweite Bedeutung und Anerkennung erfuhr.

Auf das sechzehnte Jahrhundert gehen Handelsbeziehungen zurück, bei denen die Fugger aus Augsburg eine große Rolle spielten.

Dies alles ist bekannt. Es wird in Erinnerung gerufen, um zu erklären, dass deutsch-indische Beziehungen sich nicht aus dominierenden geschichtlichen und politischen Prozessen ableiten, sondern in spezifischen Konstellationen und Zusammenhängen aus Einzelimpulsen oder besonderen wirtschaftlichen und sozialen Anlässen entstanden sind und daher in beiden Ländern – in Indien wie in Deutschland – in quantitativer Hinsicht von geringerer Bedeutung waren, sind und bleiben werden, als etwa im Fall Indiens die Verknüpfungen mit der angelsächsischen Welt und im Falle Deutschlands die Vernetzung mit der europäischen Nachbarschaft einschließlich Russlands, mit Nordamerika ja selbst mit China, das sich im Umgang mit Europa vor allem auf die Vertiefung der Beziehungen und des Austausches mit Deutschland abstützt.

Im Jahre 2013 erreichte der fast ausgeglichene Handelsaustausch zwischen Deutschland und China ein Volumen von 140 Mrd. Euro, der Austausch mit Indien weniger als 20 Mrd. Euro – nämlich etwas mehr als 16 Mrd. Euro. Damit mag es unter den EU-Mitgliedstaaten im Handel mit Indien an erster Stelle stehen – aber in der indischen Handelsbilanz steht es nur an 8. bzw. 10. Stelle. Im chinesischen Außenhandel nimmt Deutschland den fünften Platz ein.

Seit Jahren wird im deutsch-indischen Austausch die Marke von 20 Mrd. Euro für den jährlichen Handelsaustausch angestrebt – bislang ohne Erfolg.

Es mangelt nicht an der organisatorischen Infrastruktur für einen blühenden Handel: Die Deutsch-Indische Handelskammer, die schon über sechzig Jahren besteht, hat etwa 7.000 Mitglieder – die  Mitgliederstärkste unter allen deutschen Auslandskammern mit Hauptsitz in Mumbai und Verbindungsbüros in vielen Städten in Indien, in Asien und in Deutschland. Gelegentlich des Besuchs von Premierminister Manmohan Singh in Deutschland – im Jahre 2013 – hieß es dann auch in der deutschen Presse „Deutschland von Dynamik Indiens enttäuscht.“

Im Interesse der Beschleunigung der Modernisierung der indischen Industrie dürfte vor allem der Abschluss des angestrebten Freihandelsabkommens zwischen der Europäischen Union und Indien liegen. Zölle und Handelshindernissen müssten im Interesse von Innovation, Qualitätssteigerung und der Verbesserung von Ausbildung und Infrastruktur abgebaut werden. Mit verbessertem Wettbewerb wird auch die Position der indischen Produkte auf den Weltmärkten, einschließlich der wettbewerbsintensivsten wie in Europa verbessert werden können.

Mit dieser Botschaft ist es nicht leicht, in Indien Gehör zu finden und entsprechende Folgemaßnahmen zu erreichen.

Mit dem west-östlichen Diwan hat Goethe das Morgenland in das Kulturbewusstsein der Deutschen eingebracht. Mit seiner Dichtung und seinen Besuchen in Deutschland hat Rabindranath Tagore sein indisch geprägtes Bild der Welt und des Menschen wie auch des Universums zu einem Bestandteil unserer Wahrnehmung der Welt und ihrer Kulturen werden lassen. Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru, aber auch Subhas Chandra Bose prägen im deutschsprachigen Raum die deutsche Erinnerungskultur, die Wahrnehmung Südasiens, Indiens und des Unabhängigkeitskampfes gegen die britische Vorherrschaft im vergangenen Jahrhundert – unterbrochen im Falle Deutschlands von den tragischen Irrwegen Hitlers und seiner Helfer.

In der Zeit der „Weimarer Republik“ (1919-1933) begleitete das politische Deutschland das Ringen Indiens um seine nationale Unabhängigkeit mit großer Sympathie. Die Kongress-Unabhängigkeitsbewegung unterhielt Informations- und Verbindungsbüros in Washington D.C. und in Berlin. Im September 1942 anerkannten Berlin und Tokyo die nationale Befreiungsbewegung von Subhas Chandra Bose. Es war auch eine militärische Einheit indischer Soldaten zusammengestellt worden (Indische Legion), die unter den britischen Kriegsgefangenen rekrutiert wurde, und die sich am Unabhängigkeitskampf in Asien beteiligten sollte. Hitler lehnte in Übereinstimmung mit seinem Weltbild die Unterstützung der Unabhängigkeit Indiens ab. Mahatma Gandhi und Jawalharlal Nehru hatten keinerlei Vertrauen zum Hitler-Regime.

1947 wurde Indien unabhängig – zusammen mit Pakistan. In dem besiegten Deutschland wurden unter dem Vorbehalt der Siegermächte und unter der Wirkung des kurz nach dem Kriege aufbrechenden Kalten Krieges im Jahre 1949 die Bundesrepublik Deutschland und die DDR gebildet, letztere unter sowjetischer Anleitung – vor dem Hintergrund der von der Sowjetunion verhängten Berlin-Blockade in den Jahren 1948/49. Wenige Jahre später – am 17. Juni 1953 – zwang ein Volksaufstand das DDR-Regime in die Knie. Die Sowjetunion stellte mit der blutigen Unterwerfung des Aufstands das sowjetisch gestützte Regime wieder her und musste im Jahre 1961 eine Mauer durch das geteilte Berlin errichten, um die wachsende Flucht der Menschen aus der DDR zu stoppen. Am 9. November 1989 fiel die Mauer als Ergebnis des friedlichen Aufstands der Bevölkerung gegen das verhasste Regime.

Im Jahre 1952 nahmen die Bundesrepublik Deutschland und Indien diplomatische Beziehungen auf. Handelsbeziehungen erreichten rasch ein bedeutendes Volumen – ebenso die Entwicklungskooperation zwischen den beiden Ländern, für die das Stahlwerk in Rourkela und die deutsche Unterstützung bei der Errichtung der Technischen Universität in Madras (Chennai) lange Zeit hindurch Symbolkraft hatten. Ungeachtet anhaltenden politischen Drucks hielt sich Indien an die Zusage, die Premierminister Nehru bei seinem ersten Deutschlandbesuch im Jahre 1956 gegeben hatte, den anderen Teil Deutschlands als zweiten Staat in Deutschland nur mit Zustimmung der Bundesregierung anzuerkennen und erst dann diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Mit dem deutsch-deutschen Grundlagenvertrag von 1972 wurde die Aufnahme der beiden deutschen Staaten in die Vereinten Nationen möglich. Folglich konnte auch Indien den zweiten deutschen Staat in Deutschland anerkennen und Botschafter austauschen.

Mit den unter dem Namen „Max Muller-Bhavan“ eingerichteten Goethe-Instituten in Indien wurde das Spektrum der politischen und die wirtschaftlichen Zusammenarbeit um die unverzichtbare Dimension der kulturellen Kooperation ergänzt. Später wurden diese Fragen in einem Kulturabkommen kodifiziert (1969).

Die Zusammenarbeit auf den Feldern von Forschungs- und Wissenschaft ist zu einem bedeutenden Pfeiler der Beziehungen geworden und nimmt weiter an Bedeutung und Gewicht zu.

Unter den Stipendiaten der Humboldt-Stiftung ist das indische „Kontingent“ eines der zahlenmäßig größten. In Indien besteht seit 2012 eines der sechs weltweit errichteten „Deutschen Häuser für Wissenschaft und Innovation.“

Heute spielt bei den deutschen kulturellen Aktivitäten in Indien der Sprachunterricht an den Goethe-Instituten und die Förderung von indischen Einrichtungen, in denen Deutsch vermittelt wird, die wichtigste Rolle. Dies geschieht beispielsweise im Rahmen der nicht nur mit Indien, sondern auch mit vielen anderen Ländern kooperierende Initiative „PASCH“ „Schulen – Partner der Zukunft“. Die Nachfrage ist groß – im Vergleich zur Vergangenheit – bleibt aber natürlich ein Randphänomen in der indischen Wirklichkeit – aufs Ganze betrachtet.

Mit einer indischen Schulkette ist die Ausbildung von indischen Schullehrern für Deutschunterricht vereinbart worden. Entsprechende akademische Abschlüsse können an indischen Hochschulen erworben werden. An den 1.000 Schulen dieser „Schulkette“ soll Deutsch als Fremdsprache unterrichtet werden.

Es wird nicht bei diesem „Pilotprojekt“ bleiben.“

Seit Jahren wächst auch der Schüleraustausch zwischen deutschen und indischen Schulen. Indien gehört zu den Ländern, in denen junge Deutsche in großer Zahl und gerne nach dem eigenen Schulabschluss ein Freiwilligenjahr absolvieren.

Von Zeit zu Zeit verdichten die beiden Länder ihre Kulturellen Aktivitäten zu einem „Indien-Jahr in Deutschland“ und einem „Deutschlandjahr in Indien“ („Deutschland und Indien 2011/12 – Unendliche Möglichkeiten“; „2012/13 „Days of India – Connecting Cultures“).

Im Rahmen der Tätigkeit des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) wird auch das Studium indischer Studenten in Deutschland gefördert, ein Bereich von großer Bedeutung für die Zukunftsperspektiven in Kommunikation und Zusammenarbeit. Seit einigen Jahren wächst die Zahl indischer Studenten in Deutschland und dürfte jetzt bei etwa 7.000 liegen. Zum Anstieg hat gewiss der Umstand eigetragen, dass viele Studiengänge heute auch in Deutschland in Englisch angeboten werden. Aus China kommt das größte Kontingent ausländischer Studenten in Deutschland. Es sind jetzt jährlich etwa 25 000 Studierende. Rund 200 000 ausländische Studenten sind heutzutage jährlich an deutschen Universitäten immatrikuliert.

In Indien studieren jährlich etwa 1.000 deutsche Studenten.

Bis zu den liberalen Wirtschaftsreformen im Jahre 1992, d.h. bis zum Ende der Sowjetunion verfolgte Indien eine staatlich gelenkte Wirtschafts- und Industriepolitik, die dem privaten Sektor mit dem System der Bindung der Produktion an staatliche Lizenzen enge Grenzen setzte. In dieser Zeit wies die indische Regierung das Ansinnen des berühmten deutschen Wirtschaftsministers Ludwig Erhard nach Durchführung einer Liberalisierung des Wirtschaftsgeschehens schroff zurück. Mit den Ländern des sowjetisch geführten Wirtschaftsblocks (RGW) bestanden Handels- und Zahlungsabkommen auf der Basis von Weichwährungen. Nach der Auflösung der Sowjetunion – ja schon vorher – wurden auch in Indien die Außenwirtschaftsbeziehungen auf harte Währung umgestellt. Die neue Wirtschaftspolitik, die Indien in den Welthandel zurückführen sollte, begann mit einer erheblichen Abwertung des Außenwerts der Rupie. Die Mitwirkung am weltwirtschaftlichen Geschehen war in der Wirtschaftspolitik des Landes an die Stelle der Bindung an den nun zusammengebrochenen sowjetisch geführten Wirtschaftsblock getreten.

Bilanz und Ausblick

Mit der „Agenda für die Deutsch-Indische Partnerschaft im 21. Jahrhundert“, die im Mai 2000 von den Außenministern der beiden Länder unterzeichnet wurde und die regelmäßig mit Zusatzerklärungen „weiter entwickelt wird“, dokumentieren beide Länder die in Jahrzehnten gewachsene Vertrauensgrundlage, auf der ihre Zusammenarbeit und ihr Wirken auch auf der internationalen Bühne beruht, eine Vertrauensgrundlage , die auch bei den gemeinsamen Bemühungen um die Reform der Vereinten Nationen, vor allem des VN-Sicherheitsrates sichtbar wird, und die schon wiederholt mit Initiativen zu Rüstungskontroll- und Abrüstungsfragen weltweit gezeigt und bestätigt wurde. Die bilaterale Agenda schließt auch strategische Fragen sowie den Verteidigungs- und den Rüstungsbereich ein. Dabei kann nicht übersehen werden, dass sich Deutschland zur Überraschung der Inder mit der Ausfuhr von Rüstungsgut politisch sehr schwer tut. In geostrategischen Fragen lässt sich Indien von seiner Lage in der weltpolitischen Konstellation und der Relevanz des eigenen Nuklearen Abschreckungspotenzials in Krisensituationen und weniger von einem Konzept der vernetzten Sicherheit oder kollektiven Sicherheit leiten – Konzepten, die im Denken der Bundesrepublik Deutschland großes Gewicht haben.

Die Zusammenarbeit beim Internationalen Krisenmanagement ist noch in den Kinderschuhen, wird aber immer dringender – angesichts der Spannungen, die im vorderasiatischen Raum mit immer neuen Krisenherden aufgebrochen sind und auch Rückwirkungen auf die innere Sicherheit in Indien haben. Al Kaida hat zu Attentaten in Indien aufgerufen.

Deutschland und Indien sind Partner einer besonderen Art. Diese Partnerschaft bedarf der ständigen Reflexion und Pflege, ja Erneuerung. Sie beruht auf beiderseitigem Vertrauen und entbehrt machtpolitischer Zielsetzungen. In ihr spiegelt sich die Innovationsfähigkeit der deutschen Gesellschaft und die globale Orientierung und Vernetzung der deutschen Wirtschaft wider. Auf dem Wege in eine sozial gerechte und wirtschaftlich auch global konkurrenzfähige Zukunft sieht Indien in Deutschland einen vertrauenswürdigen, ja unverzichtbaren Weggefährten.

Geboren am 28. März 1928 in Hamburg, 1947-1952: Studium der Geschichte, Philosophie und des öffentlichen Rechts an der Universität Hamburg und Promotion zum Dr. Phil. mit der Dissertation „Die Entstehung der Christlich-Demokratischen Union und die Wiedergründung der Zentrumspartei 1945-1947“ (Drosteverlag, Düsseldorf 1953)

Berufliche Entwicklung und Stationen:

1954-1993: Mitglied des Deutschen Auswärtigen Dienstes

1966-1974: Bundesministerium der Verteidigung, u.a. 1970-1974 als Leiter des Planungsstabes (Ministerialdirektor)

1974-1977: Botschafter in Teheran (Iran)

1977-1980: Botschafter in Moskau (Sowjetunion)

1980-1985: Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland im Nordatlantik-Rat (NATO), Brüssel

1985-1990: Präsident des Bundesnachrichtendienstes

1990-1993: Botschafter des vereinigten Deutschlands in New Delhi (Indien)

1993-1995: Nach dem aktiven Dienst zeitweise Berater der Bundesregierung bei Präsident Schewardnadse (Georgien)

1997-2001: Leiter der OSZE Berater- und Beobachtergruppe in Minsk (Belarus)

Zivilgesellschaftliche Tätigkeit:

1996-2008: Vorsitzender Deutsch-Indischen Gesellschaft e.V.(www.dig-ev.de)

Seit 2004: Vorsitzender des Beirats des „Gesprächskreises Nachrichtendienste e.V.“(www.gknd.de)

Seit 2004: Vorsitzender der Vereinigung „Menschenrechte in Weißrussland e.V.“ (www.human-rights-belarus.org)

Seit 1982 Johanniter-Orden, Deutschland

Lehrtätigkeit und Publikationen:

Gastprofessuren und Lehraufträge in Eichstätt, München, Berlin/Freie Universität, Viadrina und Lublin/Polen; zahlreiche Aufsätze und Beiträge über internationale Themen. Z.B.: „Internationale Sicherheitsfragen nach dem Irak-Krieg“, die „Einbettung von Geheimen Nachrichtendiensten in demokratisch verfasste Staaten“, „Strategien zur Überwindung oder Eingrenzung des internationalen Terrorismus“ und „die Schwierigkeiten der demokratischen Transformationsprozesse in der Russischen Föderation und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion“, u.a. in Belarus. Weitere Publikationen beziehen sich auf Indien und Südasien sowie die Deutsch-Indische Gesellschaft.