Das bisschen Wagner

Es ist mal wieder soweit. Die Melomanen unter uns werden sich die Tage an Wagner à la castorfaise in Bayreuth ergötzen können.

Die Diskussion ob  Wagners Musik genial ist, spaltet vielleicht nicht mehr die Gemüter (de gustibus non est..), der Umgang mit seinem Antisemitismus schon.  Da ich leider (noch) kein bekennender Wagnerianer bin, können Sie schon ahnen, womit wir uns hier zunächst befassen werden.

WagnerSur le plan „théorique“ war Maestro nicht besonders einfallsreich: Den  zuerst 1850 veröffentlichten  Artikel  „Das Judenthum in der Musik“, sein Grundsatz-Oeuvre in dieser Materie, könnte man als Ausdruck von Neid (Stichwort Meyerbeer und Mendelssohn) oder gemeiner menschlicher Dummheit (Stichwort Antisemitismus) sehen. Eifrig wiederholt Wagner die Vorurteile über das vermeintlich andere Aussehen von Juden. Er spricht den Juden jegliche Emotionalität ab, wodurch er sie entmenschlicht. Egal in welchem Land die Juden nicht wohnen würden, ist ihnen  die jeweilige Landessprache immer eine Fremdsprache, die sie verunstalten. Die Konversion ist kein Remedium mehr, der „jüdische Geist“ muss aufhören zu existieren, sich absolut assimilieren um im Endeffekt trotzdem fremd zu bleiben.So viel die grobe Zusammenfassung. Im Grunde genommen es ist fast Schade um die Zeit und Platz um die pseudo-theoretischen Ansätze Wagners zu analysieren. Sie aber nur als Dummheit zu subsumieren wäre zu weit gegriffen. In einem Punkt hat Wagner kaum etwas an Aktualität verloren:  In der Ablehnung des vermeintlich Fremden. Die Juden, gleichwohl wie lange sie auf dem deutschen Boden leben, obwohl Deutsch ihre Muttersprache ist, obwohl sie einfach Deutsche sind und an jedem Bereich des gesellschaftlichen Zusammenlebens teilnehmen, gehören für Wagner nie wirklich dazu. Für die, wie auch immer sich definierende „Mehrheit“ sind sie höchstens selbsternannte Deutsche, wenn überhaupt. Ich weiß, sie sehen schon die „Auschwitzkeule“ kommen; es war vielleicht irgendwann mal so, heute ist es aber doch ganz anders. Wir leben in einer neuen, heilen Welt…

Ein kleiner Exkurs:

Ihr Arbeitskollege. Nennen wir ihn Özgür. Er ist doch Türke, oder? Abgesehen davon, dass er in Berlin geboren ist, Deutsch ist seine Muttersprache ist und bisher ganze drei Mal in der Türkei war, um Verwandtschaft zu besuchen. Özgür selbst sagt, er sei Deutscher, er hat sogar einen deutschen Pass. Ein neuer Kollege wird gefragt, ob er heute Özgür schon gesehen hätte. Welcher ist noch mal? Na, der Türke…

Für die Eifrigen unter uns – nein, die Türken sind nicht die „neuen Juden“ (was auch immer das für manche bedeuten möchte).

Özgür können Sie auch gerne durch Vladimir, Ali oder Raul ersetzen.

Wer sagt, dass jeder Özgür sich als Deutscher fühlt? Niemand. Sind Sie aber in der Lage es zu akzeptieren, wenn er sich doch als Deutscher sieht?  Oder wenn er sich als Deutschtürke/türkischer Deutscher sieht? Oder Spreewälder Gurke? Gehört Özgür wirklich dazu? Eigentlich geht es hier gar nicht um Wagner und nicht nur um Vorurteile und Ausgrenzung, sondern um Identität. Wer bestimmt meine Identität – ich selbst oder meine Umgebung? Wird das von mir konstruierte Ich so wahrgenommen, wie ich es möchte? Habe ich tatsächlich die Freiheit, mich selbst zu definieren? Kann ich diese Freiheit ausleben? Sind wir als Gesellschaft in der Lage, unsere Vielfalt  problemlos zu verdauen? Auch im Alltag?

Das bisschen Wagner in uns allen…

Hier schreiben Menschen für unseren Blog, die nur sehr unregelmäßig dazu kommen, aber dennoch Spass am Bloggen haben.