Bier und Gesundheit – zwei in der medialen Öffentlichkeit nicht (mehr) kombinierbare Begriffe

Foto: digital cat | cc Lizenz 2.0
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Die Europäische Union, Wächter über die Verbraucherinteressen, hat mit der Health-Claim-Verordnung klar geregelt, welche Attribute für Lebensmittel und Getränke im Zusammenhang mit gesundheitsbezogenen Aussagen in der Kommunikation noch genutzt werden dürfen und vor welchen Produktbeschreibungen Verbraucher geschützt werden müssen. Auch in Deutschland haben es sich Institutionen wie der Verband Sozialer Wettbewerbe (VSW) zur Aufgabe gemacht, gesundheitsbezogene Aussagen von produzierenden Unternehmen unter die Lupe zu nehmen und diese anzumahnen, sollten ihre Produktwerbungen Verbrauchern irreführenderweise eine Verbesserung des Gesundheitszustandes suggerieren. Die Braubranche hat es mit dem Urteil im Fall der Brauerei Härle aus Süddeutschland nun vom Landgericht Ravensburg schriftlich bestätigt bekommen: Bier darf nicht als bekömmlich bezeichnet werden. Ein Urteil, das die Branche umtreibt und in zwei Interessenlager spaltet. In diejenigen, die der Meinung sind, dass man sich die Bevormundung nicht gefallen lassen sollte und nun die gesundheitlichen Vorteile von Bier erst recht in die Welt rufen muss, und auf der Gegenseite solche, die zur Vorsicht mahnen. Bier genießt derzeit einen paradoxen Ruf in der medialen Öffentlichkeit. Zum einen ist es dank der Biersommelierbewegung, des Craftbeer-Trends und der innovativen, spannenden Bierspezialitäten deutscher mittelständischer Brauereien gelungen, Bier als Genussmittel wieder in den Fokus der Konsumenten und der Journalisten zu rücken. Die positiven Veröffentlichungen zum Thema Genuss, Geschmack, Bierspezialitäten und auch positiver Inhaltsstoffe überwiegen die negativen Stimmen zum Preiskampf und Komasaufen. Überschriften wie „Die gesunde Kraft vom Gestensaft“ oder auch „Bier macht glücklich – die Wahrheit über den Gerstensaft“ machen auch die Befürworter der Interessenslagers pro Gesundheit und Bier glücklich. Aber Fakt ist: Was Journalisten in ihren Artikeln als Ergebnis der gründlichen Recherchetätigkeit im Sinne der Pressefreiheit kommunizieren können und dürfen, ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite, auf der der Werbung von Brauereien, ist die Lage klar durch gesetzliche Vorgaben geregelt: Das EU-Recht verbietet für Getränke mit mehr als 1,2 Prozent Alkohol Angaben, die eine Verbesserung des Gesundheitszustandes suggerieren, fasst Spiegel online im Sommer dieses Jahr die derzeitige Lage zusammen.

Bier im ernährungswissenschaftlichen Kontext betrachtet

Höchste Zeit, einmal genau hinzuschauen, was wirklich hinter den positiven Eigenschaften des Volksgetränks Bier steckt. Und zudem zu hinterfragen, wie die Braubranche zukünftig mit den positiven Botschaften umgehen soll: In die Welt rufen oder schweigen?

Wenn man rein die ernährungswissenschaftliche und medizinische Faktenlage betrachtet, dann ist heute wissenschaftlich bewiesen, dass ein moderater Biergenuss durchaus positive Wirkungen auf das Herz-Kreislauf-System haben kann. Zudem sind im Bier einige Mikronährstoffe und Vitamine enthalten, und das in durchaus nennenswerten Mengen in Anbetracht des jeweiligen, täglichen Bedarfs. Ein Beispiel: In 300 Milliliter Pils sind 30 Milligramm Magnesium enthalten – das bedeutet eine Bedarfsdeckung von zehn Prozent*. Durch den hohen Magnesiumanteil wird alkoholfreies Bier oft als ideales Sportlergetränk ausgelobt. Laut den Empfehlungen der Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) ist für Frauen pro Tag maximal 10 Gramm Alkohol und für Männer pro Tag maximal 20 Gramm Alkohol ein unbedenkliches Maß. Natürlich weist die Institution darauf hin, dass dies aber nur Angaben sind, die allgemein als gesundheitlich unbedenklich eingestuft werden, wenn mindestens zwei Tage die Woche auf Alkohol verzichtet wird. Ein kontinuierlicher Konsum von Alkohol auch in geringen Mengen deutet bereits auf eine Suchtgefährdung hin. Zudem lautet eine weitere Empfehlung, Trinkgewohnheiten individuell zu betrachten.

Angreifbar: schwarz auf weiß

Wenn man die Fakten zusammenfast und die politische Stimmung in Betracht zieht, ist es sicherlich sinnvoller, das Thema Genuss in der Kommunikation intensiv weiter zu verfolgen und den Medien neue Berichterstattungsanlässe bieten. Dass Bier auch gesundheitlich durchaus punkten kann, eignet sich bei der derzeitigen öffentlichen und politischen Grundhaltung nur bedingt, um Bier ein positives Image zu verschaffen. Wer dennoch seine Kommunikation auf dieses Argument stützen will, sollte vorsichtig sein und einige Regeln beachten. Dazu gehört der Hinweis, dass alles, was schwarz auf weiß, also schriftlich, kommuniziert wird, angreifbar macht. Ein intensives Studium der Health-Claim-VO sowie der neuen Lebensmittelkennzeichnungs-VO ist angeraten, und im werblichen Aufritt sollte man auf Aussagen wie „Bier stärkt die Knochen und mindert das Risiko, an einem Herzinfarkt zu erkranken“ oder „Bier regt Stoffwechsel und Durchblutung an“ gänzlich verzichten. Denn nährwertbezogene Aussagen sowie Aussagen, die ein Gesundheitsversprechen beinhalten, sind nur zulässig, wenn sie in der VO ausdrücklich zugelassen sind. Eng verbunden damit ist der Hinweis, stets eine rechtliche Prüfung aller Aussagen vor Veröffentlichung in diesem Kontext in Auftrag zu geben. Das Beispiel des Landgerichts Ravensburg bestätigt dies. Eine andere Möglichkeit besteht darin, glaubwürdige Adressaten für die Kommunikation der eigenen Botschaft zu nutzen.

Trotz aller positiver Aspekte als Fazit folgende Handlungsempfehlung: Brauer wissen, dass Bier viele Inhaltsstoffe enthält, die sich positiv auf den Körper auswirken können – allein der maßvolle Umfang ist entscheidend. Aber wer schweigen kann, sollte dies derzeit tunlichst machen und sich in der externen Kommunikation über das Produkt Bier auf andere Facetten stürzen, denn die Wortkombination „Bier und Gesundheit“ bleibt ein Minenfeld – auch in Zukunft.

*Quelle: DACH Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 1. Auflage, Umschau-Verlag, S. 169
Magnesium, Empfohlene Zufuhr: Erwachsene 25 bis unter 51 Jahre, männlich 350 mg/Tag, weiblich 300 mg/pro Tag

*Quelle: Die große GU Nährwert Kalorientabelle, Neuausgabe 2006/2007, GU Verlag, S. 54
Lebensmittel (je 100 g verzehrbarer Anteil), Getränke, alkoholische: Pilsener Lagerbier 10 mg Magnesium

Der Text wurde erstveröffentlicht in der Sonderausgabe der Zeitschrift „Getränke Fachgroßhandel“ anlässlich der 500-Jahr-Feier Deutsches Reinheitsgebot. S. 82/83.

Sandra Ganzenmüller hat durch ihr Studium an der TU München in Freising-Weihenstephan den Zugang zu der spannenden Welt der Biere gefunden und als erste Ernährungswissenschaftlerin die Ausbildung zur Biersommelière absolviert. Nach verschiedenen Berufsstationen in mittelständischen Lebensmittelunternehmen ist sie seit vielen Jahren im Agenturgeschäft und konzentriert sich mit ihrer in München ansässigen PR-Agentur kommunikation.pur auf die Bereiche „food.beverages.lifestyle“. Sandra Ganzenmüller ist seit ein paar Jahren festes Jurymitglied beim European Beer Star (Deutschland), seit 2012 Teil der 200-köpfigen Testerriege des World Beer Cups (USA), unterstützt seit 2013 die Macher der Brussels Beer Challenge als Tester, wirkt beim Meininger Craftbeer Award und der Nordic Beer Challenge mit. Sie ist Pressesprecherin des Biersommelierverbandes und arbeitet gemeinsam mit dem Präsidium konsequent an der Verbreitung der deutschen Biervielfalt und Bierkultur. Zudem hat sie Bücher rund um das Thema Bier und Genuss und Bier und Gesundheit veröffentlicht.