BER-Happen 7: Bewegte Bilder

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Hallo Justus,

und überhaupt Unterhaltung! Die ersten Wochen und Monate in Deutschland habe ich nur mit großen Augen gestaunt, wenn ich Fernsehen gesehen habe. Nicht nur, dass immer mehr Trash-Formate, die in ihrer Flachheit direkt proportional zum Flachbildschirm zu sein scheinen (Dschungelcamp, Shopping Queen!!) auch in Deutschland Standard sind. Ich kenne einfach viele Schauspieler, Moderatoren und Journalisten nicht. Gleichzeitig berührt das Wiedersehen mit vertrauten Gesichtern seltsam: die alterslose wunderbare Iris Berben, die erschlankte Veronika Ferres (hat sie wirklich eine verliebte Bundeskanzlerin gespielt?), Eye Candy Till Schweiger fegt immer noch irgendwelchen Zweiohrküken hinterher. Mein Mit-Münsteraner Günther Jauch hilft weiter beim Reichwerden, Sahra Wagenknecht heiratet Oscar Lafontaine, Wolfgang Schäuble wettert gegen Griechenland, Angela Merkel trägt beim Girls‘ Day einen türkisfarbenen Blazer. Wenn ich irgendwann nicht mehr über Gesichter, Geschichten und Gesagtes stolpere, dann erst bin ich wohl wieder angekommen.

Aber das wird wohl dauern. Denn auch wie Deutschland schreibt und spricht, hat sich verändert in diesen acht Jahren. „Fluß“, „rauß“ und „Brennessel“ darf ich nicht mehr schreiben. „Gentrifizierung“ musste ich googeln. Zahlenmaterial, Finanzen und Erfahrungen, so lerne ich im Agentur-Sprech, müssen „belastbar“ sein. „Wie danke schön ist das denn?“ könnte ich mit Neu-Sprech darauf fragen. Auch meine Kinder (12 und 14 Jahre) helfen beim Vokabel-Lernen Deutsch 3.0, denn ihre Schule in Berlin-Wilmersdorf scheint auch linguistisch am Puls der Zeit zu sein. Jeder Satz wird routinemäßig mit „LOL“ oder „Chill‘ doch“ beendet. Das geht so: „Kannst Du bitte Dein Zimmer aufräumen?“, Antwort: „Chill‘ doch“. „Wie weit bist Du mit Deiner Science-Präsentation?“, Antwort: „LOL“. Das neueste sprachliche Upgrade ist „Gönn‘ Dir“, das gern nach negativen Aussagen eingesetzt wird. Also: „Ich glaube, wir müssen unseren Rundfunkbeitrag noch zahlen.“ Antwort: „Gönn‘ Dir.“ „Jetzt habe ich endlich einen Termin beim Zahnarzt, in nur vier Monaten.“ „Gönn` Dir.“

Gestern kam die Berechnung der Rentenbezüge, die mir nach drei Jahren des angestellten Arbeitens irgendwann ausgezahlt werden. „Gönn‘ Dir“.

Hast Du Trost für mich, Justus?

Herzliche Grüße
Britta

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