BER-Happen 1: Streik anyone?

Ein Zug wird kommen...
Ein Zug wird kommen… Foto (C) Britta Weck

Hallo Justus,

das gibt es nicht, denke ich, als ich im September 2014 an einem Sonntagabend um 18.00 Uhr im ICE von Berlin-Südbahnhof nach Hamburg-Dammtor sitze und kurz vor Wittenberge der Zug wegen „technischer Probleme“ stoppt. Irgendwo in der brandenburgischen Pampa mit den sanft wogenden gelblichen Getreidefeldern geht gar nichts mehr. Die Raucher kratzen an den Fenstern, aber der Zugchef kennt kein Erbarmen: auf offener Strecke kein Ausstieg, noch nicht mal für die „Zigi“. Zeit für den Plausch mit den netten Abteil-Mitfahrerinnen.

Als wir auch die letzten Details der Hochzeit, an der das aufgekratzte, leicht flower-powerige Mutter-Tochter-Gespann teilgenommen hat, ausgetauscht haben, rutscht mir doch raus, was ich nicht sagen wollte: Wenn sowas in Yogjakarta oder Guayaquil passiert, dann wäre das nichts Besonderes, aber hier, mitten in Deutschland? Damit ist der Gesprächsstoff für die nächste Stunde erst mal gesichert und irgendwann kommt auch der Zug wieder in Fahrt, aber wir erreichen die Hansestadt mit über dreistündiger Verspätung kurz vor Mitternacht. Sogar mein Lieblings-Libanese im Schanzenviertel denkt ans Zusammenräumen, als ich meine Falafel-Box für die Nacht zum Mitnehmen ordere. Zugunterbrechungen- und Verspätungen wegen Technik oder (ganz furchtbar!) Selbstmördern begegnen mir in den folgenden Monaten immer wieder. Das ultimative „Upgrade” zum Service-Dilemma aber ist „Streik“. Wer streikt eigentlich nicht in Deutschland? Lokführer, Piloten der Lufthansa, Flughafenreinigung Frankfurt, Sicherheitsgewerbe in Brandenburg, Deutsche Post, Amazon, Pflegekräfte der Charité, nicht verbeamtete Lehrer und jetzt auch noch Kitas fast im gesamten Bundesgebiet. Jetzt wird sogar Heidi Klum, unsere Vorzeige-Auslands-Blondine bei Germany‘s Next Top Model via Twitter-Bombendrohung „bestreikt“. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus und bereite mich auf Schlimmeres vor: Müllreinigung, Energieversorgung, Tankstellen, Museen und Schokoladen-Fabriken. Ich sehe Touristen ratlos am Brandenburger Tor stehen, weil der Bahnstreik die Transportadern der Stadt fast lahmlegt und höre eine Argentinierin stöhnen: „Ay, caramba, y ahora, curry??“ Curry-Wurst kann man ja im Zweifel auch fußläufig in Berlin auftreiben, aber bei allen berechtigten Forderungen der Streikenden fällt mir nur noch ein: Geht das jetzt nicht wirklich zu weit?

Der unbefristete Tarifstreit der Erzieher in Kindertagesstätten zum Beispiel. Wie lange können berufstätige Eltern da mithalten? Sogar Großeltern, Nachbarn und Freunde kommen irgendwann an die Grenzen ihrer Hilfsbereitschaft. Lena (3) und Philip (4) mit zur Arbeit nehmen? Sie bei der Kundenpräsentation möglichst weit weg in der Küche mit dem Praktikanten malen lassen? Wer nicht gerade im Erziehungsministerium arbeitet, riskiert wohl mehr als nur hochgezogene Augenbrauen der Kollegen und Vorgesetzen. Oder gleich Urlaub nehmen? Das Streikrecht ist ein Recht, keine Frage. Aber bei der ganzen Streikerei um mich herum, beim langen Warten an den S-Bahn-Stationen in Berlin frage ich mich, wo der Streik endet und die Erpressung anfängt. Deutschland in Geiselhaft und die Daumenschrauben werden angezogen in vielen Bereichen. Neidisch kann man da zu den europäischen Nachbarn schauen, wo in vielen Ländern den Schlüssel-Sektoren wie Verkehr, Gesundheit oder Erziehung eine Schlichtung vorgeschrieben werden kann. In Spanien zum Beispiel darf die Regierung auf Vorschlag des Arbeitsministers Schlichtungsverhandlungen zwingend anordnen. Davon aber scheinen wir in Deutschland noch viele Streiktage entfernt.

Was meinst Du dazu, Justus?

Viele Grüße

Britta

Hier schreiben Menschen für unseren Blog, die nur sehr unregelmäßig dazu kommen, aber dennoch Spass am Bloggen haben.