ARD Presseclub – eine weitere Talkshow?

Das Jubiläum ist natürlich zunächst Anlass, zu gratulieren. Ein Viertel Jahrhundert immer zuverlässig Sonntag mittags. Die Fortentwicklung eines Formats, das sein „Erfinder“ Werner Höfer bereits Anfang der 50iger Jahre als „Versuchskaninchen“ (so Höfer einmal in einem Interview) und ohne Kamera aufgebaut hat. Der Urvater des Politiktalks musste nach über 30 Jahren etwas ruhmlos abtreten. Danach hieß der „Internationale Frühschoppen“ schlicht „Presseclub“. Soweit so gut, die ARD hat die wichtigsten Stationen auf einer Seite zusammen getragen. Zwei doch erstaunliche Änderungen fielen dem geneigten (Fernseh-)Zuschauer an der heutigen Jubiläumssendung auf: Auf dem Studio-Podium saßen nicht nur journalistische bzw. publizistische Diskutanten, sondern auch ein leibhaftiger Politiker. Gut, man könnte geneigt sein zu sagen, dass es gut ist, dass einer derjenigen, über die diskutiert wird, mit am Tisch sitzt. Das Thema lautete schließlich: „Nah an der Politik, weg von der Wirklichkeit? Politischer Journalismus auf dem Prüfstand“ – aber irgendwie wirkte der Bundestagspräsident Lammert, der sonst auch mal mit launigen Bemerkungen und Schlagfertigkeit aufwartet, etwas fehl am Platz und rang mitunter schwer nach Worten. Das zweite Novum waren die Zuschauer. Man sendete aus dem Berliner ARD-Hauptstadtstudio. Bisher haben sich Redaktion und Sender noch nicht erkennbar für oder gegen Publikum auch in der Zukunft ausgesprochen. Aber es war ja auch eine Sondersendung. Berlin als Sendeort ist aber passender als Köln…

Umso erstaunlicher waren einige Bemerkungen wie etwa die von Frau Bruhns. Dass in Bonn alles „schnuckeliger“ war, konnte beinahe erwartet werden. Aber die Nachrichtensprecherin der ersten ZDF-Stunde bekannte, dass sie eine Talkshowisierung der Politik nicht gutheißen könne. Moment, der heutige Presseclub war nichts anderes als eine „Talkshow“ nur nicht am Abend, sondern am Mittag. Wenn man das nicht mag, warum lässt man sich dann einladen?! Das war leider kein Beitrag, um in die Tiefe des Themas einzusteigen.

Das griff der Professor und Publizist Paul Nolte genüßlich auf und fragte rhetorisch wie man Politik ohne Medien vermitteln wollte? In welcher Form das geschehe ist aus seiner Sicht zweitrangig: Talkshow, Zeitung oder Marktplatzveranstaltung. Er versuchte vielmehr eine Erklärung für die „Interessenlosigkeit“ an Politik und politischer Berichterstattung darin zu finden, dass vieles in Politik und Öffentlichkeit auf Konsens abzielt. Das klingt mit Blick auf den Erfolg der Bundeskanzlerin einleuchtend. Aber wenn es z.B. um den Euro und Europa geht, wie sollen da Position und Gegenposition aufgebaut werden?! Zu Zeiten der Blockkonfrontation konnte man auch in der Politik noch „einfacher“ debattieren und Menschen überzeugen. Es ist aber gut, dass wir in ausdifferenzierteren Zeiten leben. Es  fährt schließlich auch nicht mehr jeder VW-Käfer. Die eigentliche Frage lautet doch, inwieweit moderne Politik Antworten auf die Sachprobleme findet, die früher vielleicht auch stärker ausgeblendet waren. Demographie, Rente, Pflege etc. sind eben auch eher ein Problem heutiger Tage – und zukünftiger. Adenauer hat das noch mit dem Hinweis abgetan „Kinder kriegen die Leute immer“.

Der SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo stellte dann doch fest, dass die Meinungen in der Öffentlichkeit viel Stärker auseinander gehen als im Bundestag. Hmm, ca. 65 Mio. erwachsene Menschen im Land vs. 620 Abgeordnete im Deutschen Bundestag. So effizient unsere repräsentative Demokratie auch ist, völlige Deckungsgleichheit wäre dann doch arg überraschend. Nur was hat sich der oberste SPIEGEL-Mann bei der Bemerkung über seine „Unter drei-Gespräche“ (nach den Regeln der Bundespressekonferenz) gedacht? Er spreche gar nicht gerne „unter drei“, weil sein Berufsethos es verbiete, darüber dann nicht berichten zu können. So plauderte er munter über eine Vertraulichkeit aus einem Gespräch mit Kanzlerin Merkel, die angeblich gesagt habe, dass Griechenland noch reichlich Geld kosten würde. Gut, jetzt müssen den armen Mann ja keine Gewissenbisse mehr plagen, nachdem die Welt es erfahren hat.

Ein Grundproblem hat die Politik und damit die Berichterstattung über sie. Es ist wie im Fußball: Bei großen Turnieren gibt es 80 Mio. Bundestrainer. Kurzum, alle haben (ein bisschen) Ahnung. Wer würde sich anmaßen seit Erfindung des elektrischen Anlassers beim Auto noch technisch mitreden zu können? Politik ist zwischenzeitlich aber auch sehr spezialisiert geworden und dennoch müssen zu bestimmten Anlässen – Wahlen z.B. – Wähler mit verständlichen Erklärungen überzeugt werden. Da schlägt erneut die bereits o.g. Frage zu buche: Die Sachthemen lassen sich eben nicht mehr so einfach beantworten. Komplexe Zusammenhänge einfach darzustellen, erfordert vor allem eines: Eine langwierige Durchdringung der Themen. Das erfordert am Ende Verständnis von allen seiten: Politikern, Journalisten und Bürgern. Darum ist es hilfreicher, gemeinsam zu diskutieren anstatt sich abzugrenzen und einander ständig zu kritisieren. Dazu leisten alle Formate einen Beitrag, ob man sie mag oder nicht.

 

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine – dort Abitur 1993 (keine zwei „Ehrenrunden“, sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) – zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Seit August 2013 führe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter.