Als „rot-grün“ „nachhaltig“ verdrängte

Der Weltgipfel von Rio liegt 20 Jahre zurück. Was haben wir uns damals im Abi und danach in der Uni die Köpfe heiß geredet, was er wohl bewirken würde und wie sinnvoll eine solche „Öko-Großkonferenz“ denn sei. Ist es nachhaltig, eine Konferenz dieser Größenordnung abzuhalten, wo zehntausende von Teilnehmern aus der ganzen Welt wenig klima-/ ressourcenneutral angeflogen kommen? Das war ein Paradoxon, das viele für sich nicht aufzulösen vermochten. Einer der Professoren hatte beteuert, dass die Auswirkungen langfristig beispiellos sein würden. Nun kann man heute in der Tat fragen, wie der Diskussionsstand und Ist-Zustand in Bezug auf die planetare Nachhaltigkeit wäre ohne den damaligen Auftaktgipfel, der in den zurück liegenden 20 Jahren einige Folgegipfel erfahren und einiges ins Rollen gebracht hat.Seit 1992 hat der Begriff „nachhaltig“ allerdings auch eine große Inflation erfahren. Alles ist nachhaltig und wer sein wirtschaftliches Handeln nicht entsprechend gestaltet (und kommuniziert) wird vom Verbraucher abgestraft. Daran ist auf den ersten Blick nichts Verwerfliches erkennbar. Auf den zweiten Blick schon, dann da kommt das sog. „Green-Washing“ ins Spiel. Das wäre jedoch als ein gesondertes Thema abzuhandeln!

Seit den Tagen von Hans Carl von Carlowitz, der 1713 ziemlich als erster von Nachhaltigkeit – damals mit Blick auf die Forstwirtschaft – sprach, hat sich am dahinter stehenden Prinzip im Grunde nichts geändert: Nachhaltig im besten Sinne ist alles, was ressourcenneutral daher kommt und keine belastenden Stoffe bei Gebrauch zurück lässt. Denn: Das chemische Grundgesetz unseres Daseins lautet – nichts entsteht neu, nichts vergeht, aber alles verändert sich. In unserem modernen Leben ist es jedoch nicht einfach, sich nachhaltig zu verhalten. Vieles kann man selbst gar nicht unbedingt direkt beeinflussen. Allerdings wollten wir schon vor ewigen Zeiten das papierlose Büro einführen. Mit der Nutzung des Computers, der das edv-technisch ermöglichen sollte, stieg aber verblüffender Weise der Verbrauch an Papier sogar deutlich an, weil man so einfach alles noch einmal ausdrucken kann. Es gibt Leute, die drucken heute sogar das Internet aus…

Wir wollen immer schneller sein, um mit den Ressourcen Arbeitskraft sowie verfügbarer Zeit möglichst noch effizienter umzugehen und erfanden die „To-Go-(Un-)Kultur, die eine nie dagewesene Wegwerfmentalität erzeugt hat. Mit dem geliehenen Elektromobil zum Supermarkt zu fahren, ist für viele gleich doppelt nachhaltig: elektrisch und nicht besitzend, sondern geteilt. Okay, auf den ersten Blick stimmt das wohl. Aber auch der Strom für den E-Auto-Akku muss irgendwo aus Primär-Energieträgern erzeugt werden. Das findet beim Elektro-Auto eben nicht mehr vor Ort im Motor statt, sondern im Kraftwerk nebenan. Seitenthema hier: Die Einkäufe im Supermarkt sind sorgsam und teilweise mehrfach verpackt. Der Einkauf auf dem Wochenmarkt, wo die Ware lose angeboten wird und im Korb nach Hause getragen werden kann, ist sicherlich um ein Vielfaches nachhaltiger.

Die westlichen Gesellschaften haben es ohne Frage schon ein gutes Stück vorangebracht, dieses komplexe Thema der Nachhaltigkeit. Es braucht viel Überzeugungsarbeit und noch mehr Umdenkvermögen. Wir können uns zudem in Deutschland, Europa, Nordamerika und Teile Asiens die Nachhaltigkeit leisten. Auch das ist paradox: Weniger entwickelte Länder hingegen haben ganz andere Sorgen als sich über die Nachhaltigkeit der Stoffkreisläufe Gedanken zu machen. Wenn jeder Tag ein Überlebenskampf ist, wo hat da die Nachhaltigkeit Platz?! Armut – und das ist eine Erkenntnis – schafft keine Nachhaltigkeit. Letztere muss man sich leisten können! Daher ist es gut, wenn wir vor dem Hintergrund von Energiewende, Energieeffizienz und ökologisch-gerechtem Verhalten mit gutem Beispiel vorangehen. Eine Post-Wachstumsära einzuläuten, wo mit Hilfe von Know-how Ressourcen praktisch unendlich effizient eingesetzt werden können, wäre ein Ansatz – zumindest für unsere Weltregion.

Dann würde die „Nachhaltigkeit“ jene Bedeutung bekommen, die das Wort verheißt. Es ist allerdings ein weiteres Paradoxon, dass ausgerechnet „rot-grün“, also das Adjektiv derjenigen, die sich eine besonders nachhaltige Politik auf die Fahnen geschrieben haben, 1998 „nachhaltig“ als das Wort des Jahres auf die Plätze verwies. Doch dabei muss es ja nicht bleiben!

Geboren 1971 in Braunschweig und aufgewachsen im Landkreis Peine - dort Abitur 1993 (keine zwei "Ehrenrunden", sondern zwischendurch eine Ausbildung bei der Stadt Braunschweig) - zog es mich zum Studium nach Eichstätt und Washington D.C. Nach Beendigung des Studiums der Politikwissenschaften und Geschichte 1998, begann ich meine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort beschäftigte ich mich u.a. mit der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Danach folgte eine mehrjährige Station als Projektmanager Internationales und politische Kontakte bei Partner für Berlin, Gesellschaft für Hauptstadt-Marketing mbH (heute Berlin Partner). Nach mehreren kurzen und längeren Stationen in der politischen Beratung kam ich 2008 als Partner zu elfnullelf. Seit August 2013 führe ich die Beratungsgesellschaft für Strategie und politische Kommunikation mbH als alleiniger Geschäftsführender Gesellschafter.